Lektion 1 von 9
Vom Auftrag zum Filmkonzept
Du machst aus einem vagen Kundenwunsch ein Filmkonzept mit Kernbotschaft, Zielgruppe, Tonalität, Hook und Dramaturgie und schreibst daraus ein Exposé.
Worum es geht
Selina ist Mediamatikerin im 3. Lehrjahr bei der Videoproduktion Aareblick GmbH in Solothurn. Sie sitzt mit dem Ausbildungsverantwortlichen der Recycling Leberberg AG in Grenchen zusammen. Er sagt: «Wir finden keine Lernenden für Recyclist EFZ. Macht uns einen coolen Film, so 75 Sekunden, für die Website, für Instagram und für unseren Messestand.»
Das klingt nach einem Auftrag, ist aber erst ein Wunsch. Was heisst «cool»? Für wen genau? Was soll jemand nach 75 Sekunden denken, fühlen und tun? Und wie soll derselbe Film am Messestand funktionieren, wo niemand den Ton hört?
Viele Filme scheitern nicht am Dreh, sondern ganz am Anfang: Niemand hat festgelegt, was der Film eigentlich sagen soll. Dann wird «alles Wichtige» gefilmt, und am Schluss zeigt der Film etwas anderes als das Bild im Kopf der Kundschaft.
In dieser Lektion lernst du, aus einem vagen Wunsch ein klares Filmkonzept zu machen: Kernbotschaft, Zielgruppe, Tonalität, ein Hook für die ersten Sekunden und eine Dramaturgie mit Anfang, Mitte und Schluss. Daraus schreibst du ein Exposé und ein Treatment. Wie du Briefing und Re-Briefing organisatorisch führst, kennst du aus Modul 264. Hier geht es um den Film als Geschichte.
Die drei Sätze, die jeden Film tragen
Bevor du ein Navi startest, gibst du ein Ziel ein. Ohne Ziel fährst du zwar los, aber du kommst irgendwo an. Beim Film sind es drei Sätze, die das Ziel festlegen, und ein vierter, der sagt, was danach passieren soll.
| Frage | Begriff | Beispiel Recycling Leberberg AG |
|---|---|---|
| Was soll hängen bleiben? | Kernbotschaft | «Wer bei uns lernt, sorgt dafür, dass aus Abfall wieder Rohstoff wird.» |
| Wer soll den Film sehen? | Zielgruppe | Jugendliche in der 2. und 3. Oberstufe im Raum Grenchen und Solothurn, die gern draussen und mit Maschinen arbeiten, und ihre Eltern. |
| Wie soll er sich anfühlen? | Tonalität | Kraftvoll, ehrlich, ein bisschen laut: echte Maschinen, echte Lernende, kein gestelltes Lächeln. |
| Was soll man danach tun? | Handlungsaufforderung (Call to Action) | «Schnupperlehre anfragen» mit Link oder QR-Code. |
Die Kernbotschaft
Die Kernbotschaft ist ein Satz, den ein 14-jähriger Mensch versteht und weitererzählen könnte. Ein guter Test: Kommt ein «und» darin vor, sind es meistens zwei Botschaften. Vergleiche:
- Schwach: «Die Recycling Leberberg AG ist ein innovatives, nachhaltiges Unternehmen mit vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten und einem tollen Team.» Das ist eine Liste von Adjektiven, die jede Firma über sich sagt.
- Stark: «Wer bei uns lernt, sorgt dafür, dass aus Abfall wieder Rohstoff wird.» Das ist ein Bild, ein Sinn und ein Grund, sich zu bewerben.
Zielgruppe und Tonalität
«Junge Leute» ist keine Zielgruppe. Frag dich: Wo schauen sie den Film (Instagram auf dem Smartphone, meist ohne Ton)? Was ist ihnen wichtig (Technik, Sinn, Team, Abwechslung)? Wer entscheidet mit (die Eltern lesen die Website)? Je genauer das Bild, desto leichter fallen später Entscheidungen zu Musik, Schnitt und Sprache.
Die Tonalität übersetzt sich direkt in filmische Mittel. Darum lohnt es sich, sie früh festzulegen:
| Tonalität | Kamera | Schnitt | Musik und Ton |
|---|---|---|---|
| kraftvoll, laut | Handkamera, tiefe Perspektiven, viele Details | schnell, auf den Beat | treibende Beats, echte Maschinengeräusche |
| ruhig, warm | Stativ oder langsamer Gimbal, natürliches Licht | lange Einstellungen, weiche Übergänge | Piano, leise Atmo, viel Raum für Stimmen |
| seriös, sachlich | Stativ, Augenhöhe, saubere Totalen | klar und gleichmässig | zurückhaltend, Sprecherstimme im Vordergrund |
Ein Elektrizitätswerk will einen 45-sekündigen Lehrstellenfilm für Netzelektriker/innen. Welche Formulierung ist die beste Kernbotschaft?
Der Hook: die ersten drei Sekunden
Auf Instagram oder TikTok entscheidet eine Person in ein bis drei Sekunden, ob sie weiterwischt. Am Messestand ist es ähnlich: Jemand läuft vorbei und bleibt nur stehen, wenn ihn das Bild packt. Diesen Einstieg nennt man Hook (Haken).
Bewährte Hook-Typen:
- Bild mit Wucht: Ein Greifer fährt krachend in einen Berg Altmetall. Das funktioniert auch ohne Ton, weil die Bewegung gross ist.
- Frage oder Behauptung als Text: «Was passiert mit deinem alten Handy?» Ideal für stumme Wiedergabe.
- Kontrast: Erst ein Haufen Elektroschrott, dann glänzende Kupferkörner.
- Person direkt: Eine Lernende schaut in die Kamera und sagt einen überraschenden Satz.
Was fast nie funktioniert: ein animiertes Logo am Anfang, ein langsamer Drohnenflug über das Firmengebäude oder «Herzlich willkommen bei der …». Das ist der Moment, in dem die Zielgruppe weg ist.
Ein Reel für eine Bäckerei soll Lernende gewinnen. Es läuft im Instagram-Feed, wo die meisten Videos ohne Ton starten. Welcher Einstieg ist als Hook am besten geeignet?
Dramaturgie: Anfang, Mitte und Schluss in 75 Sekunden
Auch ein kurzer Film braucht einen Spannungsbogen. Du kannst dir die klassische Dreiteilung (Einleitung, Hauptteil, Schluss) im Kleinformat vorstellen:
| Zeit | Teil | Funktion | Recycling-Film |
|---|---|---|---|
| 0:00 bis 0:03 | Hook | Aufmerksamkeit packen | Greifer kracht ins Altmetall |
| 0:03 bis 0:15 | Einstieg | Figur und Welt vorstellen | Lernende Lena, 17, mit Helm auf dem Werkhof, O-Ton: «Ich wollte nie ins Büro.» |
| 0:15 bis 0:55 | Hauptteil | drei bis vier Momente, steigend | Sortieren, Bagger fahren, Elektroschrott zerlegen, Team in der Pause |
| 0:55 bis 1:08 | Höhepunkt | Kernbotschaft spürbar machen | Aus Kabelschrott werden Kupferkörner, Lena: «Das, was ihr wegwerft, machen wir wieder brauchbar.» |
| 1:08 bis 1:15 | Schluss | Handlungsaufforderung | «Schnupperlehre? Melde dich.» QR-Code und Logo |
Die Momente im Hauptteil sollten sich steigern: vom Bekannten zum Überraschenden, vom Kleinen zum Grossen. Drei gleich starke Momente hintereinander wirken wie eine Aufzählung.
Für Unternehmensfilme haben sich einige Erzählformen bewährt:
- Ein Tag im Leben: Eine Person führt durch ihren Arbeitstag. Glaubwürdig, gut für Lehrstellenfilme.
- Vorher und nachher: Aus Abfall wird Rohstoff, aus einer leeren Wand ein Bad. Zeigt Wirkung.
- Porträt: Eine Person erzählt, warum sie das macht. Lebt von einer starken Stimme.
- Frage und Antwort: Der Film beantwortet eine Frage, die im Hook gestellt wird.
Bringe die Teile eines 60-sekündigen Lehrstellenfilms in die dramaturgisch sinnvolle Reihenfolge.
- 1
Schluss: Handlungsaufforderung mit Logo
- 2
Hauptteil: drei Momente aus dem Arbeitstag, vom Bekannten zum Überraschenden
- 3
Einstieg: Hauptfigur und Arbeitsort vorstellen
- 4
Höhepunkt: Kernbotschaft wird spürbar
- 5
Hook: starkes Bild in den ersten drei Sekunden
Exposé, Treatment, Drehbuch: vom Satz zum Plan
Ein Filmkonzept wächst in Stufen. Jede Stufe wird genauer, und jede braucht eine Freigabe, bevor du in die nächste gehst. So vermeidest du, dass die Kundschaft erst im fertigen Schnitt merkt, dass sie etwas anderes wollte.
| Dokument | Umfang | Inhalt | Für wen |
|---|---|---|---|
| Exposé | einige Sätze bis eine halbe Seite | Idee, Kernbotschaft, Zielgruppe, Form, Länge, Kanäle | Kundschaft: Richtung freigeben |
| Treatment | eine halbe bis zwei Seiten Prosa | Ablauf der Geschichte in der Gegenwartsform, Stimmung, Bildstil, Musik, Look | Kundschaft und Team |
| Drehbuch (zweispaltig) | eine Zeile pro Szene | links Bild, rechts Ton, mit Zeitangaben | Team, Schnitt |
| Storyboard | eine Skizze pro Einstellung | Bildausschnitt, Bewegung, Perspektive | Kamera |
| Shotlist | Tabelle | alle Einstellungen, sortiert nach Drehort | Drehtag |
Storyboard und Shotlist kennst du aus Modul 264. Das zweispaltige Drehbuch vertiefst du in der nächsten Lektion.
Ein Treatment liest sich wie eine kurze Geschichte. Es wird in der Gegenwart geschrieben, so als würdest du den Film gerade anschauen. Ausschnitt aus Selinas Treatment:
Ein Greifer saust von oben ins Bild und kracht in einen Berg Altmetall.
Funken, Staub, ein dumpfes Dröhnen. Schnitt. Lena, 17, zieht den Kinnriemen
ihres Helms fest und grinst in die Kamera: «Ich wollte nie ins Büro.»
Wir folgen ihr über den Werkhof, die Kamera immer auf Augenhöhe, nah dran.
Die Musik setzt mit einem tiefen Beat ein, jeder Schnitt sitzt auf dem Takt ...Ordne jedes Planungsdokument seinem Inhalt zu.
Schritt für Schritt: vom Wunsch zum Exposé
Ein Alters- und Pflegeheim in Thun sucht Pflegefachpersonen und wünscht ein 60-sekündiges Video für Instagram und die Karriereseite. Die Leiterin sagt im Gespräch: «Bei uns ist es einfach familiärer als im Spital.»
Schritt 1: Auftrag zerlegen. Kanäle: Instagram (Hochformat, oft stumm) und Karriereseite (Querformat, mit Ton). Länge: 60 s. Ziel: Bewerbungen. Budget: ein Drehtag.
Schritt 2: Zielgruppe schärfen. Nicht «Pflegepersonal», sondern: diplomierte Pflegefachpersonen, etwa 25 bis 45 Jahre, die im Spital unter Zeitdruck arbeiten und über einen Wechsel nachdenken.
Schritt 3: Kernbotschaft formulieren. Was fehlt dieser Zielgruppe im Alltag? Zeit. Also: «Bei uns hast du Zeit für Menschen.» Das ist konkreter als «familiär» und spricht ein echtes Bedürfnis an.
Schritt 4: Tonalität festlegen. Ruhig, warm, ehrlich. Daraus folgt: Stativ und langsamer Gimbal, natürliches Fensterlicht, ruhiges Piano, lange Einstellungen.
Schritt 5: Hook entwickeln. Detailaufnahme: Zwei Hände, eine junge und eine alte, liegen ineinander. Text im Bild: «Wann hattest du zuletzt Zeit für ein Gespräch?» Funktioniert stumm und trifft den Schmerzpunkt.
Schritt 6: Dramaturgie skizzieren. Fünf Momente aus dem Tag der Pflegefachfrau Andrea, von ihr selbst im Off erzählt: Morgenrunde mit Kaffee (0:03 bis 0:12), Gespräch beim Fotoalbum (0:12 bis 0:24), Teamübergabe (0:24 bis 0:36), Spaziergang am Seeufer (0:36 bis 0:50), Abschluss mit Kernbotschaft und Call to Action (0:50 bis 1:00).
Schritt 7: Exposé schreiben.
Exposé «Zeit für Menschen», Imagefilm Pflege, 60 s
Kernbotschaft: Bei uns hast du Zeit für Menschen.
Zielgruppe: Diplomierte Pflegefachpersonen (25 bis 45), die im Spital
unter Zeitdruck arbeiten.
Form: Ein Tag im Leben der Pflegefachfrau Andrea, fünf Momente, von ihr
selbst im Off erzählt. Ruhige Bilder mit Fensterlicht, Piano.
Hook: Zwei Hände ineinander, Text: «Wann hattest du zuletzt Zeit für
ein Gespräch?»
Kanäle: Karriereseite 16:9 mit Ton, Instagram 9:16 mit eingebrannten
Untertiteln.
Call to Action: «Komm auf einen Schnuppertag vorbei.»Schritt 8: Freigabe einholen. Die Leiterin bestätigt Botschaft, Zielgruppe und Person. Erst jetzt entsteht das Treatment. Eine Änderung kostet hier fünf Minuten statt eines halben Drehtags.
Typische Fehler
- Botschaft aus Firmensicht. «Wir sind innovativ und nachhaltig» interessiert niemanden. Korrektur: Formuliere aus Sicht der Zielgruppe, was sie davon hat.
- Alles reinpacken wollen. Fünf Abteilungen, drei Standorte, 50 Jahre Geschichte in 75 Sekunden. Korrektur: Eine Botschaft, eine Figur, drei bis vier Momente.
- Logo am Anfang. Die ersten Sekunden sind die wertvollsten. Korrektur: Hook zuerst, Logo am Schluss.
- Hook, der nur mit Ton funktioniert. Am Messestand und im stummen Feed verpufft er. Korrektur: Hook als Bild oder Text planen.
- Ohne Freigabe weiterarbeiten. Das Treatment wird geschrieben, bevor die Kundschaft das Exposé bestätigt hat. Korrektur: Jede Stufe schriftlich freigeben lassen.
Zusammenfassung
- Jedes Filmkonzept beginnt mit Kernbotschaft, Zielgruppe und Tonalität, je in einem Satz, plus einer Handlungsaufforderung.
- Die Kernbotschaft ist ein Satz aus Sicht der Zielgruppe, ohne Werbeadjektive.
- Die Tonalität bestimmt Kamera, Schnitt, Musik und Licht.
- Der Hook packt in den ersten drei Sekunden und funktioniert auch ohne Ton.
- Auch kurze Filme brauchen Anfang, Mitte und Schluss mit steigenden Momenten.
- Das Konzept wächst in Stufen: Exposé, Treatment, Drehbuch, Storyboard, Shotlist. Jede Stufe wird freigegeben.
Mit deiner eigenen KI vertiefen
Kopiere einen Prompt in Claude, ChatGPT oder Claude Code. Er macht die KI zur Lernbegleitung statt zum Lösungsautomaten.
Kernbotschaft schärfen im Dialog Chat-KI
Du schärfst Kernbotschaft, Zielgruppe und Hook deines Filmkonzepts, indem die KI dir Fragen stellt, statt dir Formulierungen vorzugeben.