Modulseite

Lektion 1 von 9

Plattformen wählen und eine Kanalstrategie festlegen

Du vergleichst Instagram, TikTok, LinkedIn, Facebook, YouTube und WhatsApp-Kanäle, gibst jedem gewählten Kanal eine Rolle und Tonalität und begründest mit einer Aufwandrechnung, worauf der Betrieb bewusst verzichtet.

ca. 40 Min.0/4 Checks gelöst

Worum es geht

Jana ist Mediamatikerin im 3. Lehrjahr im Pflegezentrum Talgarten in Sursee. Am ersten Tag des neuen Projekts legt ihr die Leiterin Kommunikation eine Liste auf den Tisch: «Instagram, TikTok, LinkedIn, Facebook, YouTube, WhatsApp. Was davon brauchen wir?» Die Facebook-Seite ist seit einem Jahr verwaist, und das Heim findet zu wenig Pflegefachpersonen.

Die naheliegende Antwort wäre «überall ein bisschen». Genau das ist der häufigste Fehler im Social-Media-Alltag von KMU. Ein Kanal kostet Zeit, und zwar jede Woche. Wer sechs Kanäle eröffnet und nach einem Monat nur noch zwei bespielt, hat vier Schaufenster mit verstaubter Auslage. Bewerbende, die das Profil anschauen, ziehen daraus ihre Schlüsse.

In dieser Lektion lernst du, Plattformen nach Nutzerschaft, Formaten und Aufwand zu vergleichen, für ein Ziel zwei bis drei passende Kanäle auszuwählen und jedem Kanal eine eigene Rolle zu geben. Und du lernst, einen bewussten Verzicht sauber zu begründen. Das ist oft die wertvollste Entscheidung im ganzen Konzept.

Die Plattformen im Überblick

Stell dir die Plattformen wie Orte in einer Stadt vor. Instagram ist die belebte Einkaufsstrasse mit Schaufenstern, LinkedIn das Kongresszentrum, Facebook der Dorfplatz mit dem Vereinsbrett, TikTok die Bühne im Jugendzentrum, YouTube die Bibliothek mit Videothek und ein WhatsApp-Kanal das Anschlagbrett im Treppenhaus der Stammkundschaft. Du würdest nicht an jedem Ort dieselbe Rede halten.

PlattformTypische NutzungStarke FormateAufwandPasst gut für
Instagramvisuell, Unterhaltung und Inspiration, breite Altersgruppe mit Schwerpunkt bei JüngerenReels, Stories, Karussellmittel bis hochArbeitgebermarke, Produkte, Einblicke
TikTokKurzvideos, Unterhaltung, Trends, Ausspielung stark nach Interesse statt nach FollowernHochformat-Videohoch (viele Videos)junge Zielgruppen, Lehrstellen, Marken mit Persönlichkeit
LinkedInberuflich, Fachwissen, KarriereText mit Bild, Dokument-Beiträge, Videoniedrig bis mittelFachkräfte, B2B, Referenzen
FacebookAustausch in Gruppen und mit lokaler Gemeinschaft, eher ältere NutzerschaftBild, Video, Veranstaltungen, Gruppenniedrig bis mittelAngehörige, Vereine, lokale Anlässe
YouTubeSuche nach Erklärungen und Anleitungen, lange Lebensdauer der VideosQuerformat-Video, ShortshochTutorials, Produktvorführungen
WhatsApp-KanalEinweg-Nachrichten an Abonnierende, keine Kommentare, nur Reaktionen und Umfragenkurze Updates, Bilder, UmfragenniedrigStammkundschaft, kurzfristige Infos

Zwei Punkte aus der Tabelle verdienen eine Erklärung:

Interessen statt Follower. Bei TikTok und zunehmend auch bei Instagram-Reels entscheidet die Plattform vor allem anhand des Verhaltens der Nutzenden, wem sie ein Video zeigt. Ein neues Konto kann mit einem Video viele Leute erreichen. Umgekehrt garantieren viele Follower keine Reichweite. Für dich heisst das: Inhalt und Qualität zählen mehr als die Grösse des Kontos.

Einweg oder Dialog. Ein WhatsApp-Kanal ist ein Lautsprecher: Admins senden, Abonnierende lesen und reagieren mit Emojis oder in Umfragen. Die Telefonnummern der Abonnierenden sind für Admins nicht sichtbar, und Abonnierende sehen einander nicht. Für Dialog brauchst du Kommentare (Instagram, Facebook, LinkedIn) oder Direktnachrichten.

Check 1 · ZuordnenEinstieg

Ordne jeder Plattform die Beschreibung zu, die am besten passt.

Vom Ziel zur Kanalrolle

Eine Plattform an sich ist weder gut noch schlecht. Sie passt zu einem Ziel und einer Zielgruppe, oder sie passt nicht. Das Marketingkonzept aus Modul 279 liefert dir beides. Daraus leitest du für jeden Kanal eine Kanalrolle ab: ein Satz, der festhält, wen der Kanal mit welchem Inhalt zu welchem Zweck erreicht.

Eine gute Kanalrolle hat dieses Muster:

Text
[Kanal] zeigt [Zielgruppe] [Inhalt], damit [gewünschte Handlung].

Beispiel der Elektro Steiner AG in Frauenfeld:

  • Instagram zeigt Jugendlichen ab 14 und ihren Eltern den echten Arbeitsalltag der Lernenden, damit sie sich für eine Schnupperlehre melden.
  • LinkedIn zeigt Hauseigentümern, Architektinnen und Planern abgeschlossene Solarprojekte aus der Region, damit sie die Firma für Offerten anfragen.

Die Rollen überschneiden sich nicht. Das ist Absicht: Jeder Kanal hat seinen Job, und du kannst später messen, ob er ihn erfüllt.

Tonalität pro Kanal

Zur Rolle gehört die Tonalität, also wie der Betrieb klingt. Die Marke bleibt dieselbe, der Ton passt sich dem Ort an, wie du mit deiner Lehrmeisterin anders sprichst als mit Kolleginnen in der Pause, ohne eine andere Person zu werden.

KanalTon bei der Elektro Steiner AGBeispielsatz
Instagramlocker, Du-Form, nah an den Lernenden«Erster Tag auf dem Dach. Ehrlich: Die Knie haben gezittert.»
LinkedInsachlich, Sie- oder neutrale Form, mit Fakten«12 kWp auf einem Einfamilienhaus in Weinfelden: 28 Module, Montage in zwei Tagen.»
Facebookherzlich, regional«Danke an alle, die am Tag der offenen Tür vorbeigekommen sind!»

Halte die Tonalität schriftlich fest: Du oder Sie, Emojis ja oder nein, Fachbegriffe ja oder nein, wer spricht (wir als Firma oder eine Person mit Namen). Das spart später viele Diskussionen.

Check 2 · Eine AntwortFortgeschritten

Welche Formulierung ist eine brauchbare Kanalrolle für die Elektro Steiner AG?

Ressourcen: Was kostet ein Kanal pro Woche?

Jetzt kommt der Realitätscheck. Ein Kanal braucht Zeit für Ideen, Produktion, Texte, Freigabe, Community-Management und Auswertung. Erfahrene Social-Media-Verantwortliche rechnen deshalb mit Stunden pro Beitrag und einem Zuschlag für die Betreuung.

Die folgenden Werte sind Annahmen für ein KMU, keine Normen. Du passt sie an deinen Betrieb an, sobald du eigene Erfahrungswerte hast.

FormatZeit pro Stück (Annahme)
Reel oder TikTok-Video (Dreh, Schnitt, Untertitel)2.5 Std.
Karussell (5 Folien)1.5 Std.
Bildbeitrag mit Text0.75 Std.
Story-Sequenz0.25 Std.
LinkedIn-Beitrag mit Foto1 Std.
Community-Management und Auswertung1 Std. pro Kanal und Woche

Wenn die Summe die verfügbare Zeit übersteigt, gibt es nur drei ehrliche Lösungen: weniger Kanäle, tiefere Frequenz oder einfachere Formate. «Wir machen es nebenbei» ist keine Lösung.

Bewusst verzichten

Ein begründeter Verzicht ist ein Zeichen von Professionalität. Er braucht drei Teile: was du weglässt, warum, und unter welcher Bedingung du die Entscheidung neu prüfst.

«TikTok bespielen wir vorerst nicht. Die Zielgruppe ist dort zwar gut erreichbar, aber für die nötige Frequenz von mehreren Videos pro Woche fehlen Personen, die regelmässig vor der Kamera stehen. Wir prüfen den Entscheid nach sechs Monaten, wenn die Reels auf Instagram laufen. Gute Reels lassen sich dann auch auf TikTok weiterverwenden.»

Check 3 · Mehrere AntwortenAnspruchsvoll

Eine Schreinerei mit 4 Stunden pro Woche für Social Media verzichtet auf TikTok. Welche Begründungen sind tragfähig?

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Schritt für Schritt: Kanalwahl für das Pflegezentrum Talgarten

Jana hat 7 Stunden pro Woche für Social Media. Die Ziele aus dem Konzept: mehr Bewerbungen von Pflegefachpersonen und Lernenden, und ein gutes Bild bei den Angehörigen.

Schritt 1: Zielgruppen festhalten. Jana unterscheidet drei Gruppen: (a) Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Lehre als FaGe suchen oder kürzlich abgeschlossen haben, (b) diplomierte Pflegefachpersonen HF/FH mit Berufserfahrung, (c) Angehörige von Bewohnenden, meist ab 50.

Schritt 2: Plattformen pro Zielgruppe bewerten. Sie vergibt 0 bis 3 Punkte für «Zielgruppe ist dort gut erreichbar» und «passende Formate für unsere Inhalte».

Plattform(a) Junge(b) Fachpersonen(c) AngehörigeFormate passen
Instagram3213
TikTok3102
LinkedIn1312
Facebook0132
YouTube1111
WhatsApp-Kanal1021

Schritt 3: Aufwand rechnen. Jana skizziert einen Wochenplan mit den Annahmen aus der Tabelle oben:

KanalPlan pro WocheRechnungStunden
Instagram1 Reel, 1 Karussell, 1 Bild, 3 Stories2.5 + 1.5 + 0.75 + 3 × 0.25 + 16.5
Facebook2 Beiträge (Recycling von Instagram, angepasst)2 × 0.5 + 12.0
LinkedIn1 Beitrag1 + 12.0
Total10.5

Das sind 3.5 Stunden zu viel. Statt einen ganzen Kanal zu streichen, senkt Jana den Aufwand Schritt für Schritt:

AnpassungErsparnis
Reel nur alle zwei Wochen, im Wechsel mit einem zweiten Karussell: Durchschnitt (2.5 + 1.5) ÷ 2 = 2.0 statt 2.50.5
2 statt 3 Stories0.25
Bildbeitrag auf Instagram streichen0.75
Facebook übernimmt Instagram-Inhalte fast unverändert: 2 × 0.25 statt 2 × 0.50.5
LinkedIn-Beitrag nur alle zwei Wochen: Durchschnitt 0.5 statt 10.5
Community-Management für Facebook und LinkedIn zusammenlegen (beide erzeugen wenig Kommentare): 1 statt 2 Std.1.0
Total3.5

Neue Summe: 10.5 minus 3.5 = 7.0 Stunden. Der Plan passt, hat aber keinen Puffer für Ferien oder Krankheit. Jana hält deshalb fest, dass sie Inhalte auf Vorrat produzieren will, und meldet der Leiterin Kommunikation offen, dass mehr Kanäle nur mit mehr Zeit möglich sind.

Schritt 4: Rollen formulieren.

  • Instagram zeigt jungen Pflegeinteressierten den echten Alltag im Talgarten, damit sie schnuppern oder sich bewerben.
  • Facebook zeigt Angehörigen Aktivitäten und Neuigkeiten aus dem Haus, damit sie Vertrauen fassen und sich informiert fühlen.
  • LinkedIn zeigt diplomierten Pflegefachpersonen Weiterbildung, Teamkultur und offene Stellen, damit sie sich bewerben.

Schritt 5: Verzicht begründen. TikTok: gute Erreichbarkeit der Jungen, aber kein Team für mehrere Videos pro Woche. YouTube: hoher Produktionsaufwand, kein klarer Job im Konzept. WhatsApp-Kanal: interessant für Angehörige, aber erst, wenn Facebook läuft. Neubeurteilung nach sechs Monaten.

Check 4 · Code-LaborFortgeschritten

Code-Labor: Reicht die Zeit für unsere Kanäle?

Bevor du Kanäle festlegst, rechnest du den Aufwand pro Woche. Die Zeitannahmen aus Lektion 1 stehen im Dictionary STUNDEN (Stunden pro Stück). Pro Kanal kommt 1 Stunde Community-Management und Auswertung dazu.

  1. kanal_stunden(plan): plan ist ein Dictionary Format → Anzahl pro Woche, z.B. {"reel": 1, "story": 3}. Gib die Stunden für diesen Kanal inklusive der 1 Stunde Betreuung zurück, auf 2 Nachkommastellen gerundet. Anzahlen dürfen Dezimalzahlen sein (0.5 heisst alle zwei Wochen).
  2. wochenaufwand(kanaele): kanaele ist ein Dictionary Kanalname → Plan. Gib die Summe aller Kanäle zurück, gerundet auf 2 Nachkommastellen.
  3. passt(kanaele, verfuegbar): Gib ein Tupel (ok, differenz) zurück. differenz = verfuegbar - aufwand (gerundet auf 2 Stellen), ok ist True, wenn die Differenz mindestens 0 ist.

Testfall aus der Lektion: Instagram mit 1 Reel, 1 Karussell, 1 Bild und 3 Stories, Facebook mit 2 recycelten Beiträgen, LinkedIn mit 1 Beitrag. Jana hat 7 Stunden.

Code-Labor · Python
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Typische Fehler

  • Überall präsent sein wollen. Sechs halbherzig gepflegte Kanäle wirken schlechter als zwei gute. Ein verwaister Kanal sendet die Botschaft «Hier kümmert sich niemand».
  • Plattform nach eigenem Geschmack wählen. Du findest TikTok spannend? Entscheidend ist, wo die Zielgruppe ist und ob der Betrieb die Formate liefern kann.
  • Keine Kanalrolle. Wenn alle Kanäle dasselbe tun, kannst du keinen sinnvoll auswerten und nicht begründen, warum es ihn braucht.
  • Aufwand schätzen ohne Rechnung. «Ein paar Posts pro Woche» klingt harmlos. Rechne Stunden pro Format und vergleiche mit der verfügbaren Zeit.
  • Zahlen ohne Quelle. «Auf Facebook sind nur alte Leute» ist ein Vorurteil, keine Begründung. Arbeite mit aktuellen Studien oder Zielgruppenschätzungen und nenne die Quelle.

Zusammenfassung

  • Starte mit Zielgruppe, Ziel und Ressourcen, erst dann mit der Plattform.
  • Jede Plattform hat typische Nutzungssituationen und Formate: Instagram visuell, LinkedIn beruflich, Facebook lokal und gemeinschaftlich, TikTok und Reels interessenbasiert, YouTube für Suche und Anleitungen, WhatsApp-Kanäle als Einweg-Lautsprecher.
  • Jeder gewählte Kanal bekommt eine Rolle im Muster «Kanal zeigt Zielgruppe Inhalt, damit Handlung».
  • Die Tonalität passt sich dem Kanal an, die Marke bleibt dieselbe.
  • Rechne den Aufwand in Stunden pro Woche. Wenn er nicht passt: weniger Kanäle, tiefere Frequenz oder einfachere Formate.
  • Ein begründeter Verzicht mit Termin für die Neubeurteilung ist eine starke strategische Entscheidung.

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