Modulseite

Lektion 1 von 9

Phasenmodelle: Wasserfall, V-Modell und HERMES

Du kennst Phasen, Meilensteine und Freigaben, verstehst Wasserfall, V-Modell und die Phasen von HERMES 2022 und gliederst ein Projekt begründet in Phasen mit Freigabekriterien.

ca. 45 Min.0/4 Checks gelöst

Worum es geht

Nina ist im 2. Lehrjahr bei der Regionalwerke Oberaargau AG in Langenthal. Der Verwaltungsrat hat soeben CHF 120'000 für ein Online-Portal bewilligt, über das 18'000 Haushalte ihren Zählerstand selbst melden sollen. In der ersten Projektsitzung fragt Nina: «Warum machen wir das nicht einfach mit Scrum? In der Schule haben wir gelernt, dass agil moderner ist.»

Der Projektleiter lacht und erklärt: «Der Verwaltungsrat gibt das Geld nur frei, wenn er an klaren Punkten sieht, was er dafür bekommt. Er will wissen, ob das Konzept steht, bevor wir den Softwarepartner bezahlen. Und er will vor dem Go-live entscheiden können, ob die Lösung gut genug ist. Dafür brauchen wir Phasen mit Freigaben.»

Genau darum geht es in diesem Modul. Viele Projekte in der Schweiz, besonders bei Bund, Kantonen, Gemeinden und Energieversorgern, werden phasenorientiert geführt: Das Projekt läuft in klaren Abschnitten, und an jedem Übergang entscheidet jemand mit Budgetverantwortung, ob es weitergeht. In dieser Lektion lernst du drei Modelle kennen: das Wasserfallmodell, das V-Modell und HERMES, den Schweizer Standard. Am Schluss kannst du begründen, wann ein phasenorientiertes Vorgehen passt, und ein Projekt selbst in Phasen gliedern.

Die Grundidee: Phasen, Meilensteine, Freigaben

Denk an einen Hausbau. Niemand giesst das Fundament, bevor die Pläne stehen und die Baubewilligung da ist. Und niemand zieht ein, bevor die Bauabnahme gemacht ist. Ein Hausbau läuft in Abschnitten, und zwischen den Abschnitten wird geprüft und entschieden. Genau so funktioniert ein phasenorientiertes Projekt.

BegriffBedeutungBeispiel Zählerportal
PhaseZeitabschnitt mit eigenem Ziel und festgelegten ErgebnissenKonzept: Wie genau soll das Portal funktionieren?
Ergebnisprüfbares Arbeitsprodukt, oft ein DokumentFachkonzept, Testprotokoll, Abnahmeprotokoll
MeilensteinZeitpunkt ohne Dauer, an dem etwas geprüft wird«Fachkonzept liegt vor» Anfang Oktober
PhasenfreigabeEntscheid des Auftraggebers, die nächste Phase zu startenLenkungsausschuss gibt die Realisierung frei

Der wichtigste Gedanke steckt in der Freigabe. Am Ende jeder Phase liegt ein Entscheid mit drei möglichen Ausgängen:

Ein Abbruch klingt nach Scheitern, ist aber oft die beste Entscheidung. Wenn im Konzept klar wird, dass die Schnittstelle zum Abrechnungssystem dreimal so teuer wird wie angenommen, ist es besser, nach CHF 15'000 zu stoppen als nach CHF 110'000. Phasenfreigaben begrenzen also das finanzielle Risiko des Auftraggebers.

Das Wasserfallmodell

Das Wasserfallmodell ist die einfachste Form: Die Phasen laufen streng nacheinander ab, wie Wasser, das über Stufen nach unten fällt. Eine Phase beginnt erst, wenn die vorherige abgeschlossen ist.

Das Modell wird oft auf einen Artikel von Winston Royce aus dem Jahr 1970 zurückgeführt. Spannend: Royce hat das rein sequenzielle Vorgehen darin selbst als riskant beschrieben und Rückkopplungen empfohlen. In der Praxis erlaubt man deshalb meist Rücksprünge in die vorherige Phase, wenn dort ein Fehler entdeckt wird.

StärkenSchwächen
gut planbar, Kosten und Termine früh bekanntBenutzende sehen die Lösung erst spät
klare Verantwortung pro PhaseFehler in den Anforderungen werden spät entdeckt und teuer
saubere Dokumentation, gut für Verträge und NachweiseÄnderungen während des Projekts sind aufwendig
einfach zu verstehen und zu kontrollierenwenig geeignet, wenn die Anforderungen noch unklar sind

Das V-Modell

Das V-Modell erweitert den Wasserfall um eine entscheidende Idee: Zu jeder Stufe der Spezifikation gehört eine Teststufe. Links steigt man vom Groben ins Detail hinab, unten wird gebaut, rechts steigt man wieder hinauf und prüft jede Stufe gegen ihre Vorgabe.

Spezifikation (links)Teststufe (rechts)Wer prüft was?
Anforderungen der FachseiteAbnahmetestFachseite prüft: Erfüllt die Lösung die vereinbarten Anforderungen im echten Ablauf?
funktionaler Systementwurf (was das Gesamtsystem leisten muss)SystemtestProjektteam prüft: Leistet das ganze System alle Funktionen, auch Fehlerfälle und Last?
technischer Systementwurf (Architektur, Schnittstellen)IntegrationstestProjektteam prüft: Arbeiten Portal und Abrechnungssystem zusammen?
KomponentenentwurfKomponententestEntwickler prüfen: Funktioniert jedes Modul für sich?

Der grosse Vorteil: Testfälle entstehen schon beim Spezifizieren. Wer beim Schreiben einer Anforderung gleich überlegt, wie man sie abnimmt, formuliert genauer. In Deutschland ist das V-Modell XT der Standard für IT-Projekte des Bundes. In der Schweiz begegnet dir die V-Logik vor allem in der Testplanung: Teststufen und Abnahmekriterien werden aus den Anforderungen abgeleitet.

Check 1 · ZuordnenFortgeschritten

Im V-Modell gehört zu jeder Spezifikationsstufe links eine Teststufe rechts. Ordne zu.

HERMES: der Schweizer Standard

HERMES ist die Projektmanagementmethode der Schweizer Bundesverwaltung. Sie ist offen und frei verfügbar und wird auch von Kantonen, Gemeinden, bundesnahen Betrieben und vielen Firmen genutzt. Die aktuelle Ausgabe heisst HERMES 2022, vorher war HERMES 5 verbreitet. Deshalb begegnen dir beide Namen. Arbeite immer mit dem aktuellen Online-Handbuch, denn Bezeichnungen und Vorlagen werden laufend gepflegt.

HERMES ist ein Baukasten aus wenigen Elementen:

ElementWozu es dient
Phasengliedern das Projekt zeitlich, jede endet mit einem Entscheid
Szenarienfertige Zusammenstellungen für eine Projektart, z.B. Standardsoftware einführen oder Software selbst entwickeln
Modulethematische Bausteine wie Projektführung, Test oder IT-Betrieb
Aufgaben und Ergebnissewer was tut und welches Arbeitsprodukt dabei entsteht
RollenVerantwortung auf den Ebenen Steuerung, Führung und Ausführung
MeilensteineEntscheidpunkte, an denen der Auftraggeber freigibt

Im traditionellen Vorgehen kennt HERMES vier Phasen:

PhaseKernfrageTypische ErgebnisseEntscheid am Ende
InitialisierungLohnt sich das Projekt, und welche Variante wählen wir?Studie mit Situationsanalyse und Varianten, ProjektauftragProjektfreigabe
KonzeptWie genau sieht die Lösung aus?Fachkonzept, Systemanforderungen, TestkonzeptPhasenfreigabe für die Realisierung
RealisierungBauen und prüfengetestete Lösung, Testprotokoll, EinführungskonzeptPhasenfreigabe für die Einführung
EinführungIn Betrieb nehmen und übergebenSchulung, Abnahmeprotokoll, Betriebsübergabe, AbschlussberichtProjektabschluss

Im Projektalltag sagt man für die Freigaben nach Konzept und Realisierung oft kurz Realisierungsfreigabe und Einführungsfreigabe. Gemeint ist immer dasselbe: Der Auftraggeber prüft die Ergebnisse und entscheidet über den nächsten Abschnitt.

HERMES kennt auch ein agiles Vorgehen. Dort werden Konzept und Realisierung zu einer Phase Umsetzung zusammengefasst, in der in Iterationen entwickelt wird. Initialisierung und Einführung bleiben gleich. HERMES zwingt dich also nicht in einen Wasserfall, sondern verlangt, dass du dein Vorgehen bewusst wählst.

Check 2 · ZuordnenEinstieg

Ordne jedes Ergebnis der HERMES-Phase zu, in der es typischerweise fertiggestellt wird.

Passt phasenorientiert? Das Modell an das Projekt anpassen

Ob ein phasenorientiertes Vorgehen passt, ist keine Glaubensfrage. Prüfe das Projekt an diesen Kriterien:

Kriteriumspricht für phasenorientiertspricht für agil
Anforderungenstabil, früh klar beschreibbarunklar, entstehen erst beim Ausprobieren
Budget und Terminfix, müssen vorab verbindlich bewilligt werdenflexibel, Umfang darf sich anpassen
NachweiseRegulierung, Ausschreibung, Revision verlangt Dokumentewenige formale Vorgaben
AbhängigkeitenHardware, Lieferanten, Bauarbeiten mit festen TerminenTeam kann weitgehend selbst liefern
FeedbackNutzende können erst am fertigen System sinnvoll testenTeilergebnisse lassen sich früh ausprobieren

Viele Projekte sind gemischt (hybrid): Die Gesamtsteuerung läuft in Phasen mit Freigaben, die Softwareentwicklung innerhalb der Realisierung in Sprints. Das vertiefst du in Modul 337.

Ein Modell anpassen heisst in HERMES Tailoring: Du übernimmst, was dein Projekt wirklich braucht. Die Faustregel lautet: Je grösser und riskanter, desto mehr Struktur.

  • Kleines Projekt, geringes Risiko: Dokumente zusammenlegen (z.B. Studie und Projektauftrag in einem Dokument), Freigaben in einer kurzen Sitzung oder per Mail mit Unterschrift.
  • Grosses oder riskantes Projekt: zusätzliche Prüfpunkte, ein Prototyp im Konzept, ein Pilotbetrieb vor dem Go-live, externe Qualitätssicherung.
Check 3 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Welche Merkmale sprechen dafür, ein Projekt phasenorientiert (z.B. nach HERMES traditionell) zu führen? Wähle alle zutreffenden.

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Schritt für Schritt: Das Zählerportal in Phasen gliedern

Nina soll für den Projektauftrag einen Phasenplan entwerfen. So geht sie vor:

Schritt 1: Vorgehen begründen. Budget (CHF 120'000) und Ziel (Go-live Anfang Januar) sind fix und vom Verwaltungsrat bewilligt. Das Portal hängt an einer Schnittstelle zum bestehenden Abrechnungssystem, die nur der Softwarepartner bauen kann. Die Anforderungen sind gut beschreibbar: Zählernummer, Datum, Stand, Plausibilitätsprüfung. Ergebnis: phasenorientiert nach HERMES, traditionelles Vorgehen.

Schritt 2: Phasen und Ergebnisse festlegen.

PhaseErgebnisse (Auswahl)
InitialisierungStudie mit drei Varianten (Eigenentwicklung, Zusatzmodul des Abrechnungssystems, Portal des Softwarepartners), Projektauftrag, Stakeholderanalyse
KonzeptFachkonzept mit Meldeprozess und Formularen, Systemanforderungen der Schnittstelle, Datenschutzabklärung, Testkonzept
RealisierungPortal und Schnittstelle, Integrationstest mit Testprotokoll, Schulungsunterlagen, Einführungskonzept
EinführungPilot mit 200 Haushalten, Schulung Kundendienst, Go-live, Betriebsübergabe, Abschlussbericht

Schritt 3: Meilensteine mit Freigabekriterien definieren. Ein Meilenstein ohne Kriterium ist nur ein Datum. Nina formuliert prüfbare Kriterien:

MeilensteinFreigabekriterien
ProjektfreigabeProjektauftrag vom Auftraggeber unterschrieben, Variante gewählt
RealisierungsfreigabeFachkonzept vom Fachgremium geprüft, Datenschutzbeauftragte hat schriftlich zugestimmt, Offerte des Softwarepartners liegt innerhalb des Budgets
EinführungsfreigabeIntegrationstest ohne offene Fehler der Klasse «schwer», Schulungsunterlagen bereit, Kostenprognose innerhalb Budget und Reserve
ProjektabschlussAbnahmeprotokoll unterschrieben, Betrieb übernommen, Abschlussbericht genehmigt

Schritt 4: Tailoring festhalten. Für ein Projekt dieser Grösse verzichtet Nina auf eine externe Qualitätssicherung. Weil die Schnittstelle das grösste Risiko ist, plant sie zusätzlich einen Pilot mit 200 Haushalten vor dem breiten Go-live.

Schritt 5: Prüfen. Hat jede Phase mindestens ein prüfbares Ergebnis? Hat jede Freigabe einen klaren Entscheidungsträger? Ja: Projekt-, Realisierungs- und Einführungsfreigabe erteilt der Lenkungsausschuss, den Abschluss genehmigt die Auftraggeberin.

Jetzt automatisierst du die Prüfung «Ist die Phase bereit für die Freigabe?» in einem kleinen Python-Programm:

Check 4 · Code-LaborEinstieg

Code-Labor: Ist die Phase bereit für die Freigabe?

Im Startcode sind die vier HERMES-Phasen und pro Phase die Pflichtergebnisse hinterlegt, die für die Freigabe vorliegen müssen. Schreibe drei Funktionen:

  • fehlende(phase, vorhanden) gibt die Liste der Pflichtergebnisse der Phase zurück, die in der Liste vorhanden fehlen, in der Reihenfolge von PFLICHT. Zusätzliche Dokumente in vorhanden stören nicht.
  • freigabe_bereit(phase, vorhanden) gibt True zurück, wenn kein Pflichtergebnis fehlt, sonst False.
  • naechste_phase(phase) gibt den Namen der nächsten Phase zurück. Nach der "Einführung" folgt "Projektabschluss".

Beispiel: fehlende("Konzept", ["Fachkonzept", "Testkonzept"]) ergibt ["Systemanforderungen"].

Code-Labor · Python
Strg + Enter

Typische Fehler

  • Meilenstein mit Arbeitspaket verwechseln. «Fachkonzept erstellen» dauert Wochen, «Fachkonzept freigegeben» ist ein Zeitpunkt. Meilensteine haben keine Dauer.
  • Freigaben als Formalität behandeln. Wer die Realisierung startet, bevor das Konzept geprüft ist, verliert den wichtigsten Schutz des Phasenmodells. Ohne Unterschrift kein Start.
  • Die Projektleitung entscheidet selbst über die Freigabe. Sie beantragt und empfiehlt, entscheiden muss der Auftraggeber oder der Lenkungsausschuss.
  • HERMES mit Wasserfall gleichsetzen. HERMES bietet ein traditionelles und ein agiles Vorgehen. Zu sagen «HERMES ist starr» zeigt, dass man die Methode nicht kennt.
  • Alles aus dem Handbuch übernehmen. Ein Projekt mit CHF 120'000 braucht nicht jedes Dokument einer Grossbeschaffung. Tailoring ist ausdrücklich vorgesehen und muss begründet werden.

Zusammenfassung

  • Phasenorientierte Projekte laufen in Phasen mit festgelegten Ergebnissen. An jedem Übergang steht ein Meilenstein mit Freigabe durch den Auftraggeber.
  • Das Wasserfallmodell ist streng sequenziell: gut planbar, aber Rückmeldungen kommen spät.
  • Das V-Modell ordnet jeder Spezifikationsstufe eine Teststufe zu: Anforderungen gegen Abnahmetest, funktionaler Systementwurf gegen Systemtest, technischer Systementwurf gegen Integrationstest, Komponentenentwurf gegen Komponententest.
  • HERMES 2022 ist der Schweizer Standard mit den Phasen Initialisierung, Konzept, Realisierung, Einführung im traditionellen Vorgehen und einer Phase Umsetzung im agilen Vorgehen.
  • Phasenorientiert passt bei fixem Budget und Termin, stabilen Anforderungen, Nachweispflichten und festen Abhängigkeiten.
  • Mit Tailoring passt du das Modell an Grösse und Risiko an: mehr Struktur bei grossen und riskanten Projekten.

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