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Lektion 1 von 8

Von der vagen Bitte zur messbaren Kennzahl

Du klärst im Gespräch, welche Entscheidung ein Dashboard unterstützen soll, leitest daraus wenige messbare Kennzahlen ab und hältst sie in einem Steckbrief fest.

ca. 40 Min.0/6 Checks gelöst

Worum es geht

Selin ist im 3. Lehrjahr bei der Regiobus Seeland AG in Biel. Die Leiterin Angebotsplanung kommt mit einem Wunsch zu ihr: "Ich hätte gern ein Dashboard mit allem über alle Linien." Selin könnte jetzt Power BI öffnen, die Zählerdaten laden und zwanzig Diagramme bauen. Nach zwei Wochen hätte sie einen farbigen Bericht, und die Leiterin würde fragen: "Schön. Und welche Kurse soll ich jetzt streichen?"

Genau hier scheitern viele Datenprojekte: nicht an der Technik, sondern an einer unklaren Frage. Ein Dashboard ist ein Werkzeug für eine Entscheidung. Wer die Entscheidung nicht kennt, weiss nicht, welche Zahlen zählen, wie genau sie sein müssen und wie oft sie aktualisiert werden.

In dieser Lektion lernst du, wie du aus einem vagen Wunsch eine präzise Fragestellung machst und daraus wenige, sauber definierte Kennzahlen ableitest. Am Schluss berechnest du die erste Kennzahl selbst mit SQL.

Erst die Entscheidung, dann die Daten

Stell dir vor, du bestellst bei einer Schreinerin "einen Tisch". Eine gute Schreinerin fragt zurück: Für wie viele Personen? Für drinnen oder für den Garten? Wie viel Platz hast du? Erst dann zeichnet sie. Bei Datenanalysen ist es genauso. Die wichtigste Frage lautet nicht "Welche Daten haben wir?", sondern "Welche Entscheidung soll mit dem Dashboard besser werden?"

Für das Erstgespräch hilft eine vorbereitete Frageliste. Am Ende des Gesprächs solltest du jede dieser Fragen beantworten können:

FrageWarum sie wichtig istAntwort bei Regiobus
Wer nutzt das Dashboard?bestimmt Detailtiefe und FachspracheLeiterin Angebotsplanung, später die Geschäftsleitung
Welche Entscheidung wird damit gefällt?bestimmt, welche Zahlen zählenwelche Kurse beim Fahrplanwechsel gestrichen oder verstärkt werden
Wann und wie oft wird entschieden?bestimmt Aktualisierung und Zeitraumeinmal pro Jahr, Vorbereitung ab August
Was tust du, wenn die Zahl hoch ist? Und wenn sie tief ist?prüft, ob die Kennzahl zu einer Handlung führtvolle Kurse verstärken, leere Kurse streichen oder ersetzen
Welche Daten gibt es, wer ist verantwortlich?zeigt Machbarkeit und AnsprechpersonenFahrgastzähler, Leitsystem, Excel-Listen der Disposition
Gibt es heute schon Zahlen dazu?liefert Vergleichswerte zur PlausibilisierungHandzählungen der Fahrdienstleitung

Die vierte Frage ist die stärkste. Man nennt sie auch den So-what-Test: Wenn sich auf eine Zahl hin nichts ändern würde, egal ob sie steigt oder fällt, gehört sie nicht ins Dashboard. "Anzahl Haltestellen im Netz" ist interessant, aber niemand entscheidet damit über einzelne Kurse.

Check 1 · Eine AntwortEinstieg

Die Leiterin Angebotsplanung sagt: "Ich hätte gern ein Dashboard mit allem über alle Linien." Welche Frage stellst du als Erstes?

Von der Frage zur Kennzahl

Eine Kennzahl verdichtet einen Sachverhalt zu einer Zahl, zum Beispiel "durchschnittlich 32 Fahrgäste pro Kurs". Ein KPI (Key Performance Indicator) ist eine Kennzahl, die direkt zeigt, ob ein wichtiges Ziel erreicht wird. Jeder KPI ist eine Kennzahl, aber nicht jede Kennzahl ist ein KPI. In einem guten Dashboard stehen wenige KPIs prominent oben, Detailkennzahlen weiter unten.

Damit eine Kennzahl messbar ist, brauchst du vier Dinge:

  1. Formel: Was wird gezählt oder summiert, und wodurch wird geteilt? Bei Anteilen nennst du immer Zähler und Nenner.
  2. Zeitraum und Granularität: pro Tag, pro Woche, pro Fahrt? Über welchen Zeitraum?
  3. Abgrenzung: Was zählt mit, was nicht? Zählen Extrafahrten? Ausgefallene Kurse?
  4. Datenquelle: Aus welchem System, welcher Tabelle und welcher Spalte stammt die Zahl?

So wird aus einem vagen Wunsch Schritt für Schritt etwas Messbares:

Vage AussageKonkrete FrageKennzahl
"Wir wollen sehen, wie es läuft."Welche Kurse sind schwach oder stark besetzt?Fahrgäste pro Kurs, pro Linie und Tageszeit
"Die Busse sind oft zu voll."Auf welchen Kursen reichen die Sitzplätze in der Spitzenzeit nicht?Anteil Fahrten mit Stehplätzen zwischen 6.30 und 8.30 Uhr
"Wir sind zu unpünktlich."Wo und wann entstehen Verspätungen?Anteil Abfahrten mit mehr als 3 Minuten Verspätung, pro Linie und Stunde
"Lohnt sich die Linie 12?"Wie gut ist Linie 12 im Vergleich zu ähnlichen Linien ausgelastet?Auslastung in Prozent (höchste Besetzung geteilt durch Platzangebot)

Achte auch auf das Gegenteil: Eitelkeitskennzahlen (englisch "vanity metrics") sehen gut aus, steigen fast immer und helfen nicht beim Entscheiden. "Fahrgäste seit Firmengründung" wächst jeden Tag und sagt nichts über einzelne Kurse.

Check 2 · ZuordnenFortgeschritten

Ordne jeder vagen Aussage die passende messbare Kennzahl zu.

Der Kennzahlen-Steckbrief

Die Definition hältst du in einem Kennzahlen-Steckbrief fest. Er ist kurz, aber verbindlich: Wenn zwei Personen dieselbe Kennzahl nach dem Steckbrief berechnen, muss dasselbe herauskommen. So sieht der Steckbrief aus, den Selin für die Pünktlichkeit geschrieben hat:

FeldInhalt
NameAnteil Verspätungen über 3 Minuten
FrageAuf welchen Linien und zu welchen Zeiten ist der Fahrplan nicht stabil?
FormelAnzahl Abfahrten mit Verspätung > 180 Sekunden / Anzahl Abfahrten total
EinheitProzent, eine Nachkommastelle
Granularitäteine Abfahrt an einer Haltestelle; ausgewertet pro Linie, Wochentag und Stunde
Abgrenzunggemessen an der Abfahrt, nicht an der Ankunft; ausgefallene Kurse separat zählen; Extrafahrten ausgeschlossen
DatenquelleExport aus dem Leitsystem, Tabelle Ist-Abfahrten, Spalte Abweichung in Sekunden
Aktualisierungwöchentlich, montags für die Vorwoche
Zielwerthöchstens 10 % pro Linie
Verantwortlichfachlich: Leiterin Angebotsplanung; technisch: Selin
Bekannte GrenzenZeitstempel stammen vom GPS des Fahrzeugs und sind an Endhaltestellen ungenau

Zwei Felder werden oft vergessen und sind besonders wertvoll. Die Abgrenzung verhindert Streit über Zahlen ("Bei mir sind es aber 12 %!"), und die bekannten Grenzen zeigen, dass du die Daten kritisch anschaust. Beides wird in Kompetenznachweisen häufig bewertet.

Check 3 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Welche Angaben gehören in einen Kennzahlen-Steckbrief, damit zwei Personen unabhängig voneinander dieselbe Zahl berechnen?

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Wenn Wünsche sich widersprechen

Selten gibt es nur eine auftraggebende Person. Bei Regiobus wünscht sich die Angebotsplanung Zahlen pro Kurs, die Leitung Fahrdienst möchte Verspätungen "am liebsten pro Fahrerin und Fahrer", das Marketing will Fahrgastzahlen für eine Medienmitteilung, und die Geschäftsleitung braucht eine Seite mit dem Wichtigsten.

Du musst nicht alle Wünsche erfüllen. Deine Aufgabe ist, die Konflikte sichtbar zu machen und einen begründeten Vorschlag zu machen:

  • Zurück zur Entscheidung: Das Dashboard soll den Fahrplanwechsel vorbereiten. Kennzahlen dafür haben Vorrang.
  • Weniger ist mehr: drei bis fünf KPIs pro Zielgruppe. Was nicht zur Entscheidung beiträgt, kommt auf eine Detailseite oder fällt weg.
  • Getrennte Sichten: Die Geschäftsleitung braucht Trends über Monate, die Planung Details pro Kurs. Oft sind zwei Seiten besser als ein Kompromiss, der niemandem dient.
  • Grenzen nennen: Verspätungen pro Person würden Mitarbeitende überwachen. Das ist datenschutz- und arbeitsrechtlich heikel und für die Fahrplanfrage nicht nötig. Du schlägst stattdessen eine Auswertung pro Linie und Stunde vor.

Wenn du eine Kennzahl weglässt, begründest du es in einem Satz: "Die Verspätung pro Person lassen wir weg, weil sie für die Fahrplanentscheidung nichts beiträgt und Mitarbeitende überwachen würde." So fühlt sich niemand übergangen, und die Entscheidung ist nachvollziehbar.

Check 4 · Eine AntwortFortgeschritten

Für die Entscheidung "Welche Kurse werden beim Fahrplanwechsel gestrichen oder verstärkt?" werden vier Kennzahlen vorgeschlagen. Welche besteht den So-what-Test nicht?

Schritt für Schritt: vom Gespräch zur ersten Zahl

Selin geht nach dem Gespräch so vor:

  1. Wunsch festhalten. Original: "Alles über alle Linien." Sie notiert den Satz wörtlich, um später zeigen zu können, wie die Frage geschärft wurde.
  2. Entscheidung klären. Im Herbst werden für den Fahrplanwechsel schwach besetzte Kurse gestrichen oder ersetzt und volle Kurse verstärkt.
  3. Fragen formulieren. Welche Kurse sind schwach besetzt? Welche sind in der Spitzenzeit überfüllt? Wo ist der Fahrplan instabil?
  4. Kennzahlen ableiten. Vier Kennzahlen: Fahrgäste pro Kurs, Auslastung in Prozent, Anteil Verspätungen über 3 Minuten, Anteil Fahrten mit Stehplätzen in der Spitzenzeit.
  5. Steckbriefe schreiben. Für jede Kennzahl einen Steckbrief wie oben. Bei "Fahrgäste pro Kurs" lautet die Formel: Summe der Einsteigenden geteilt durch die Anzahl Fahrten.
  6. Datenquelle mit einer Stichprobe prüfen. Selin lässt sich einen Tag Zählerdaten geben und berechnet die erste Kennzahl in SQL:
SQL
-- Fahrgäste pro Kurs für einen Tag, pro Linie
SELECT linie,
       COUNT(*)                                     AS fahrten,
       SUM(einsteigende)                            AS fahrgaeste,
       ROUND(1.0 * SUM(einsteigende) / COUNT(*), 1) AS pro_kurs
FROM fahrt
WHERE datum = '2026-03-02'
GROUP BY linie
ORDER BY pro_kurs DESC;
Text
linie  fahrten  fahrgaeste  pro_kurs
7      42       2310        55.0
3      56       1904        34.0
12     30       276         9.2

Das 1.0 * ist kein Schmuck: Ohne diese Umwandlung teilt SQLite zwei ganze Zahlen ganzzahlig, und aus 9.2 würde 9.

  1. Zurückspiegeln. Selin zeigt der Leiterin Angebotsplanung die Steckbriefe und die erste Zahl. Diese bestätigt: "Linie 12 mit 9 Personen pro Kurs, das deckt sich mit meinem Eindruck. Aber ich will es nach Tageszeit sehen." Die Granularität "pro Linie und Stunde" kommt in den Steckbrief.

Jetzt bist du dran: Berechne die Kennzahl im Labor selbst.

Check 5 · Code-LaborEinstieg

Code-Labor: deine erste Kennzahl

Die Tabelle fahrt enthält für einen Tag eine Zeile pro Kurs mit der Summe der Einsteigenden. Setze die Kennzahl Fahrgäste pro Kurs aus dem Steckbrief um.

Gesucht ist pro Linie:

SpalteInhalt
linieLiniennummer
fahrtenAnzahl Kurse
fahrgaesteSumme der Einsteigenden
pro_kursFahrgäste pro Kurs, auf eine Nachkommastelle gerundet

Sortiere absteigend nach pro_kurs.

Das Labor läuft mit SQLite. Die Ergebnisse werden mit der erwarteten Tabelle verglichen, Spaltennamen und Werte müssen exakt passen.

Code-Labor · SQL · SQLite
Tabellen und Testdaten ansehen
SQL
CREATE TABLE fahrt (
  fahrt_id      INTEGER PRIMARY KEY,
  linie         TEXT    NOT NULL,
  datum         TEXT    NOT NULL,
  abfahrt       TEXT    NOT NULL,
  einsteigende  INTEGER NOT NULL
);
INSERT INTO fahrt VALUES
 (1,  '3',  '2026-03-02', '07:05', 48),
 (2,  '3',  '2026-03-02', '12:05', 22),
 (3,  '3',  '2026-03-02', '17:35', 51),
 (4,  '3',  '2026-03-02', '21:05', 9),
 (5,  '7',  '2026-03-02', '07:12', 63),
 (6,  '7',  '2026-03-02', '12:12', 30),
 (7,  '7',  '2026-03-02', '17:42', 70),
 (8,  '12', '2026-03-02', '07:20', 25),
 (9,  '12', '2026-03-02', '12:20', 11),
 (10, '12', '2026-03-02', '19:50', 6),
 (11, '12', '2026-03-02', '20:50', 4),
 (12, '12', '2026-03-02', '21:50', 3);
Strg + Enter
Check 6 · ReihenfolgeEinstieg

Bring die Schritte vom ersten Gespräch bis zur ersten berechneten Kennzahl in die richtige Reihenfolge.

  1. 1

    Den Wunsch der Auftraggeberin wörtlich festhalten

  2. 2

    Datenquelle mit einer Stichprobe prüfen

  3. 3

    Konkrete Fragen formulieren

  4. 4

    Kennzahlen ableiten und Steckbriefe schreiben

  5. 5

    Entscheidung und Zielgruppe klären

  6. 6

    Erste Zahl berechnen und mit der Auftraggeberin besprechen

Typische Fehler

  1. Mit dem Tool beginnen. Wer zuerst Diagramme baut, optimiert schöne Bilder statt Entscheidungen. Korrektur: Entscheidung und Zielgruppe zuerst schriftlich klären.
  2. Anteile ohne Nenner. "15 % Verspätungen" von was? Von Abfahrten, Fahrten oder Linien? Korrektur: im Steckbrief immer Zähler und Nenner angeben.
  3. Zu viele Kennzahlen. Zwölf KPIs sind keine KPIs mehr. Korrektur: pro Zielgruppe drei bis fünf, der Rest auf Detailseiten.
  4. Grenzen nicht festlegen. > oder >=, mit oder ohne Extrafahrten: Ohne Abgrenzung entstehen zwei Wahrheiten. Korrektur: Abgrenzung als eigenes Feld im Steckbrief.
  5. Kennzahl ohne Bezug zu einer Handlung. Korrektur: So-what-Test. Was würde jemand bei hohem und bei tiefem Wert tun?

Zusammenfassung

  • Ein Dashboard unterstützt eine Entscheidung. Kläre zuerst, wer es nutzt und was damit entschieden wird.
  • Eine vorbereitete Frageliste hilft im Erstgespräch: Zielgruppe, Entscheidung, Rhythmus, Handlung bei hohem oder tiefem Wert, Datenquellen, bestehende Zahlen.
  • Eine messbare Kennzahl hat eine Formel mit Zähler und Nenner, einen Zeitraum, eine Granularität, eine Abgrenzung und eine Datenquelle.
  • Der Kennzahlen-Steckbrief macht die Definition verbindlich, inklusive Zielwert, Verantwortlichen und bekannten Grenzen.
  • Bei widersprüchlichen Wünschen entscheidest du entlang der Entscheidung, trennst Zielgruppen und lässt bewusst weg, was nicht hilft oder Personen überwacht.
  • Prüfe die Datenquelle früh mit einer Stichprobe und spiegle die erste Zahl zurück.

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