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Lektion 1 von 9

Vom Auftrag zum Scribble

Du klärst ein Briefing für eine Drucksache, skizzierst in kurzer Zeit viele Ideen in unterschiedlichen Richtungen und wählst die stärksten begründet aus.

ca. 35 Min.0/4 Checks gelöst

Worum es geht

Montag im Kulturzentrum Alte Spinnerei in Wädenswil. Chiara, Mediamatikerin im 1. Lehrjahr, bekommt von der Programmleiterin einen Zettel: «Jazzfestival im April, drei Abende, neun Bands. Wir brauchen ein Plakat und einen Flyer. Etwas Schönes, bitte bis Ende Monat.»

Die Versuchung ist gross: InDesign öffnen, ein Foto vom letzten Jahr hineinziehen, den Titel in eine schöne Schrift setzen. Nach einer Stunde sieht es «ganz okay» aus. Genau da liegt das Problem. Die erste Idee, die am Bildschirm entsteht, ist selten die beste. Sie ist einfach die erste. Und weil schon eine Stunde Arbeit drinsteckt, fällt es schwer, sie wieder wegzuwerfen.

Gute Gestalterinnen und Gestalter arbeiten anders: Sie klären zuerst, was genau gebraucht wird, und skizzieren dann in kurzer Zeit viele Ideen von Hand. Erst wenn eine Richtung überzeugt, geht es an den Computer. In dieser Lektion lernst du, ein Briefing für eine Drucksache zu lesen, mit Scribbles schnell viele Ideen zu finden und die stärksten begründet auszuwählen. Das ist auch im üK-Kompetenznachweis wichtig, denn deine Scribbles belegen deinen Gestaltungsprozess.

So sieht der Weg aus, den du in diesem Kurs gehst:

Das Briefing einer Drucksache

Ein Briefing ist die Auftragsbeschreibung der Kundschaft. Bei Drucksachen fehlen darin fast immer Angaben, die du für Gestaltung und Produktion zwingend brauchst. Stell es dir wie bei einer Schneiderin vor: Ohne Masse, Stoff und Anlass näht sie kein Kleid, auch wenn die Kundin «etwas Schönes» möchte.

Diese Fragen klärst du bei jedem Printprodukt:

BausteinLeitfrageBeispiel Jazzfestival
Produkt und FormatWas genau, in welcher Grösse, ein- oder zweiseitig?Plakat A2, Flyer A5 zweiseitig
Zweck und BotschaftWas soll jemand nach dem Anschauen wissen oder tun?Festival kennen, Daten merken, Ticket kaufen
ZielgruppeWer soll es sehen?Jazzfans 30 bis 70, Familien aus der Region
InhalteWelche Texte, Bilder, Logos sind fix?3 Daten, 9 Bands, Preise, Vorverkauf, Anfahrt, 5 Sponsorenlogos
EinsatzWo hängt oder liegt es? Aus welcher Distanz wird es gesehen?Plakate in Läden und Restaurants, Flyer an der Kasse und per Post
AuflageWie viele Exemplare?60 Plakate, 5000 Flyer
Budget und TerminWie viel darf es kosten, wann muss es gedruckt vorliegen?Druck max. CHF 1500, Aushang ab 1. März
VorgabenCorporate Design, Hausschrift, Druckerei, Datenblatt?Logo der Spinnerei, Druckerei noch offen

Was nicht im Briefing steht, fragst du nach. Formuliere Rückfragen so, dass man sie schnell beantworten kann: «Sollen die Flyer auch per Post verschickt werden? Dann achte ich auf ein leichteres Papier.» Das zeigt zudem, dass du mitdenkst.

Check 1 · Mehrere AntwortenEinstieg

Ein Quartierverein schreibt: «Wir brauchen einen Flyer für unser Strassenfest, etwas Fröhliches.» Welche drei Angaben musst du vor dem Gestalten unbedingt noch klären?

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Scribbles: schnell, klein, viele

Ein Scribble ist eine schnelle Handskizze einer Gestaltungsidee. Es ist kein schönes Bild und kein Kunstwerk. Ein gutes Scribble zeigt in wenigen Strichen, wo was steht und wie gross es ist: Titel als dicke Linie, Text als Wellenlinien, Bilder als Kästchen mit Kreuz oder als grobe Form.

Warum von Hand und nicht am Computer?

  • Tempo: Ein Scribble dauert zwei bis drei Minuten. In einer halben Stunde entstehen zehn Ideen. Am Bildschirm schaffst du in der gleichen Zeit eine.
  • Loslassen: Ein Scribble kostet fast nichts. Du wirfst es ohne schlechtes Gewissen weg.
  • Das Wesentliche: Ohne Schriftmenü und Effekte denkst du über die Idee nach, nicht über Details.

So gehst du vor:

  1. Kleines Format wählen. Zeichne Rahmen im richtigen Seitenverhältnis, etwa 6 x 8.5 cm für ein A-Format. Klein zwingt zur Vereinfachung.
  2. Zeit begrenzen. Zum Beispiel acht Scribbles in 20 Minuten. Ein Timer hilft gegen Perfektionismus.
  3. Bewusst variieren. Nicht achtmal dasselbe Layout mit anderen Farben, sondern unterschiedliche Ansätze.
  4. Beschriften. Unter jedes Scribble ein Stichwort zur Idee: «Saxophon aus Notenlinien», «nur Typo».

Damit die Ideen wirklich verschieden werden, helfen Ideenrichtungen. Jede Richtung ist ein anderer Zugang zur gleichen Botschaft:

RichtungIdeeBeispiel Jazzfestival
Bildstarkein grosses, starkes MotivSaxophon-Silhouette, randabfallend
TypografischSchrift ist das BildBandnamen als rhythmische Textfläche
Symbolischein Zeichen steht für das GanzeNotenlinien, die zu Wellen werden
Collagemehrere Bilder kombiniertBandfotos im Raster
Metapheretwas Bekanntes neu deutenPlakat im Look eines Vinyl-Covers
Reduzierteine Farbe, eine Form, viel Weissraumnur ein gelber Kreis als Scheinwerfer
Check 2 · Eine AntwortEinstieg

Warum skizzierst du Ideen zuerst als Scribbles von Hand, statt direkt in InDesign zu beginnen?

Auswählen und begründen

Nach der Scribble-Runde hast du acht bis zwölf Ideen. Jetzt wählst du die zwei oder drei stärksten aus. «Gefällt mir» ist dabei kein Argument, denn es sagt nichts über die Wirkung bei der Zielgruppe. Prüfe jedes Scribble mit vier Fragen:

  1. Botschaft: Erzählt die Idee, worum es geht? Erkennt man in zwei Sekunden «Jazz» und «Festival»?
  2. Zielgruppe: Spricht die Idee die richtigen Menschen an? Ein Graffiti-Look kann Jazzfans über 50 eher abschrecken.
  3. Umsetzbarkeit: Gibt es die nötigen Bilder? Reichen Zeit und Budget? Eine Fotocollage braucht neun gute Bandfotos.
  4. Medium: Funktioniert die Idee auf Plakat und Flyer? Wirkt sie aus der Distanz?

Eine einfache Bewertungstabelle macht die Auswahl nachvollziehbar. Jede Frage gibt 0 bis 2 Punkte:

ScribbleBotschaftZielgruppeUmsetzbarMediumTotal
1 Saxophon aus Notenlinien22228
4 Typo mit Bandnamen12216
7 Fotocollage11013
9 Vinyl-Cover22127

Die Zahlen ersetzen dein Urteil nicht, aber sie zwingen dich, Gründe zu nennen. Diese Gründe brauchst du später in der Präsentation.

Check 3 · Eine AntwortFortgeschritten

Chiara hat zwölf Scribbles. Die Fotocollage aus neun Bandfotos gefällt ihr am besten, aber es liegen erst drei Bandfotos in Druckqualität vor und der Termin ist in zwei Wochen. Wie beurteilst du die Idee?

Schritt für Schritt: Chiaras Scribble-Session

Chiara hat das Briefing mit der Programmleiterin geklärt. So geht sie weiter vor:

Schritt 1: Kernbotschaft in einem Satz. «Drei Abende Jazz in der Alten Spinnerei, mitten im Frühling.» Alles, was sie skizziert, muss diese Botschaft tragen.

Schritt 2: Rahmen vorbereiten. Sie faltet zwei A4-Blätter zweimal und hat so acht Felder pro Blatt. In jedes zeichnet sie einen Rahmen im Hochformat, Verhältnis etwa 1 : 1.41 wie bei allen A-Formaten.

Schritt 3: Timer auf 30 Minuten. Zwölf Scribbles sind das Ziel, also rund zweieinhalb Minuten pro Idee.

Schritt 4: Ideenrichtungen abarbeiten. Sie skizziert zwei bildstarke Ideen (Saxophon-Silhouette, Kontrabass im Gegenlicht), zwei typografische (Bandnamen als Textfläche, riesige Zahl «3» für drei Abende), eine Collage, ein Vinyl-Cover, ein reduziertes Motiv mit gelbem Spotlight und weitere Varianten.

Schritt 5: Beschriften. Unter jedes Scribble schreibt sie ein Stichwort und markiert mit einem Pfeil, wohin der Blick zuerst fällt.

Schritt 6: Bewerten. Mit der Tabelle aus dem vorherigen Abschnitt kommen drei Ideen in die engere Wahl: Saxophon aus Notenlinien (8 Punkte), Vinyl-Cover (7), grosse «3» (6).

Schritt 7: Begründung notieren. Für jede der drei Ideen schreibt sie zwei Sätze: was die Idee erzählt und für wen sie funktioniert. Beispiel: «Das Saxophon aus Notenlinien verbindet Instrument und Musik in einem Bild. Es ist ruhig und elegant und spricht das eher erfahrene Jazzpublikum an.»

Schritt 8: Feedback holen. Sie zeigt die drei Scribbles einer Kollegin ohne Erklärung und fragt: «Worum geht es hier?» Wer die Botschaft ohne Hilfe erkennt, bestätigt die Idee.

Die Programmleiterin entscheidet sich für das Saxophon. Das Vinyl-Cover bleibt als Reserve, falls die Silhouette im Flyer nicht funktioniert.

Check 4 · ReihenfolgeEinstieg

Bring die Schritte einer Scribble-Session in die richtige Reihenfolge.

  1. 1

    Auswahl begründen und Feedback einholen

  2. 2

    Kleine Rahmen im richtigen Seitenverhältnis vorbereiten

  3. 3

    Mit Timer viele Scribbles in unterschiedlichen Ideenrichtungen skizzieren

  4. 4

    Jedes Scribble mit einem Stichwort beschriften

  5. 5

    Kernbotschaft in einem Satz formulieren

  6. 6

    Mit Kriterien bewerten und die zwei bis drei stärksten auswählen

Typische Fehler

  • Direkt am Computer starten. Das führt zur ersten, nicht zur besten Idee, und die investierte Zeit macht dich unflexibel. Korrektur: Immer zuerst mindestens fünf bis acht Scribbles.
  • Achtmal dieselbe Idee. Das gleiche Layout mit anderer Farbe ist keine neue Idee. Korrektur: Ideenrichtungen bewusst wechseln (bildstark, typografisch, symbolisch, reduziert).
  • Zu schön scribbeln. Wer zwanzig Minuten an einer Skizze zeichnet, verliert das Tempo. Korrektur: Timer stellen, Text nur als Linien andeuten.
  • Ohne Begründung auswählen. «Das gefällt mir am besten» überzeugt keine Kundschaft. Korrektur: Kriterien wie Botschaft, Zielgruppe, Umsetzbarkeit und Medium anwenden.
  • Briefinglücken übersehen. Wer Auflage, Einsatzort oder Termin nicht kennt, gestaltet am Bedarf vorbei. Korrektur: Briefing mit der Tabelle prüfen und Rückfragen stellen.

Zusammenfassung

  • Ein Briefing für Drucksachen klärt Produkt, Format, Zweck, Zielgruppe, Inhalte, Einsatz, Auflage, Budget, Termin und Vorgaben.
  • Die Frage nach Einsatzort und Betrachtungsdistanz beeinflusst die Gestaltung am stärksten.
  • Scribbles sind schnelle, kleine Handskizzen, die Aufteilung und Grössenverhältnisse zeigen.
  • Viele Ideen in kurzer Zeit, in bewusst unterschiedlichen Richtungen, führen zu besseren Lösungen.
  • Die Auswahl begründest du mit Kriterien, nicht mit Geschmack.
  • Deine Scribbles und Begründungen dokumentieren den Gestaltungsprozess für Kundschaft und Kompetenznachweis.

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