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Lektion 1 von 9

Die Bilanz: Vermögen und Finanzierung am Stichtag

Du ordnest Konten nach dem Kontenrahmen KMU in Umlauf- und Anlagevermögen, kurz- und langfristiges Fremdkapital und Eigenkapital und baust aus einer ungeordneten Saldenliste eine Bilanz, die aufgeht.

ca. 40 Min.0/4 Checks gelöst

Worum es geht

Fabio ist Mediamatiker im 3. Lehrjahr bei der Alpenblick Medien AG in Brig. Der Verlag gibt ein Regionalmagazin heraus, beschäftigt 32 Mitarbeitende und überlegt, ein Podcast-Studio aufzubauen. Bevor der Verwaltungsrat entscheidet, will der Finanzverantwortliche wissen, wie gesund der Betrieb überhaupt ist. Er schickt Fabio einen Export aus der Buchhaltung: 28 Konten mit Saldo, ungeordnet, in einer Excel-Liste. «Mach mir daraus eine Bilanz, die die Bank lesen kann.»

Genau damit beginnt jede Analyse eines Jahresabschlusses. Bevor du Kennzahlen berechnest oder über Investitionen sprichst, musst du die Bilanz lesen können: Was besitzt der Betrieb, und wer hat das finanziert? Wer das sicher beherrscht, hat den halben Kompetenznachweis schon in der Tasche, denn fast jede spätere Rechnung greift auf die Bilanzgruppen zurück. In dieser Lektion lernst du die Schweizer Gliederung nach dem Kontenrahmen KMU kennen und baust aus einer ungeordneten Kontenliste eine saubere Bilanz.

Zwei Seiten, eine Frage: Was hat der Betrieb und woher kommt das Geld?

Stell dir vor, du ziehst in deine erste Wohnung. Du besitzt einen Laptop für CHF 1'500, Möbel für CHF 2'000 und hast CHF 900 auf dem Konto. Das ist dein Vermögen: CHF 4'400. Finanziert hast du es so: CHF 1'000 hat dir deine Tante geliehen, den Rest von CHF 3'400 hast du selbst angespart. Die Tante ist eine Gläubigerin (Fremdkapital), dein Erspartes ist Eigenkapital. Beide Seiten ergeben zwangsläufig dieselbe Summe, denn jeder Franken Vermögen muss von irgendwoher stammen.

Eine Bilanz ist genau diese Gegenüberstellung, nur für einen Betrieb:

Aktiven (Vermögen)Passiven (Finanzierung)
Was besitzt der Betrieb?Wer hat es finanziert?
MittelverwendungMittelherkunft
Umlaufvermögen, AnlagevermögenFremdkapital, Eigenkapital

Daraus folgt die Bilanzgleichung: Aktiven = Passiven, oder ausführlicher Aktiven = Fremdkapital + Eigenkapital. Geht eine Bilanz nicht auf, fehlt ein Konto oder ein Saldo ist falsch übertragen.

Die Bilanz ist eine Momentaufnahme an einem Stichtag, meist am 31. Dezember. Sie ist wie ein Foto: Am 31.12.2025 lagen CHF 66'000 auf Kasse und Bank. Am 2. Januar, nach dem Zahllauf für die Lieferanten, kann es schon ganz anders aussehen. Das ist wichtig für die Beurteilung später: Eine Bilanz zeigt einen Zustand, nicht eine Entwicklung.

Die Aktiven: geordnet nach Liquidität

Auf der Aktivseite stehen die Posten in der Reihenfolge, in der sie zu Geld werden. Ganz oben steht, was schon Geld ist, ganz unten, was der Betrieb langfristig nutzt.

  • Umlaufvermögen (UV): Alles, was innerhalb von etwa zwölf Monaten zu Geld wird oder verbraucht wird. Flüssige Mittel (Kasse, Bank), Forderungen gegenüber Kunden (Debitoren), Vorräte wie Papier, angefangene, noch nicht fakturierte Arbeiten.
  • Anlagevermögen (AV): Alles, was dem Betrieb länger als ein Jahr dient. Maschinen und Apparate (Kameras, Mikrofone), Informatik, Mobiliar, Fahrzeuge, Liegenschaften, aber auch Beteiligungen und langfristige Darlehen an andere.

Der Kontenrahmen KMU, der in Schweizer Betrieben und Berufsschulen verbreitet ist, nummeriert die Konten so, dass die Gliederung schon in der Kontonummer steckt:

KontonummerGruppeBeispiele
1000 bis 1399Umlaufvermögen1000 Kasse, 1020 Bank, 1100 Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, 1200 Vorräte
1400 bis 1999Anlagevermögen1500 Maschinen und Apparate, 1510 Mobiliar, 1520 Informatik, 1530 Fahrzeuge, 1600 Liegenschaften
2000 bis 2399Kurzfristiges Fremdkapital2000 Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, 2100 kurzfristige Bankschulden, 2300 Passive Rechnungsabgrenzung
2400 bis 2799Langfristiges Fremdkapital2450 Darlehen, 2451 Hypotheken
2800 bis 2999Eigenkapital2800 Aktien- oder Stammkapital, 2950 gesetzliche Gewinnreserve, 2970 Gewinnvortrag, 2979 Jahresgewinn
Check 1 · Eine AntwortEinstieg

Welcher dieser Posten gehört bei der Agentur Pixelwerk ins Anlagevermögen?

Die Passiven: geordnet nach Fälligkeit

Die Passivseite ordnest du danach, wie bald das Geld zurückbezahlt werden muss. Oben steht, was bald fällig ist, unten das Kapital, das dem Betrieb dauerhaft zur Verfügung steht.

  • Kurzfristiges Fremdkapital (kFK): Schulden, die innert zwölf Monaten fällig sind. Rechnungen von Lieferanten (Kreditoren), Kontokorrentschulden bei der Bank, geschuldete MWST und Sozialversicherungsbeiträge, passive Rechnungsabgrenzungen.
  • Langfristiges Fremdkapital (lFK): Schulden mit einer Laufzeit über zwölf Monaten, zum Beispiel ein Bankdarlehen oder eine Hypothek auf der Geschäftsliegenschaft.
  • Eigenkapital (EK): Das Kapital der Eigentümerinnen und Eigentümer. Bei einer AG das Aktienkapital, bei einer GmbH das Stammkapital, dazu die Reserven, der Gewinnvortrag und der Jahresgewinn, solange er noch nicht verteilt ist.

Ein Stolperstein: Geld erhalten, Leistung noch geschuldet

Bei Fabio steht im Export das Konto «Vorausbezahlte Abonnemente, CHF 140'000». Er setzt es zuerst auf die Aktivseite, denn das Geld ist ja auf dem Bankkonto. Der Finanzverantwortliche korrigiert ihn: Das Geld ist tatsächlich da, es steckt bereits in den flüssigen Mitteln. Aber der Verlag schuldet den Abonnentinnen und Abonnenten noch die Magazine für die kommenden Monate. Der Posten ist also eine Verpflichtung und gehört ins kurzfristige Fremdkapital (passive Rechnungsabgrenzung). Würde der Verlag morgen aufhören, müsste er dieses Geld zurückzahlen.

Eigenkapital ist kein Geld im Tresor

Ein häufiges Missverständnis: «Die Firma hat CHF 410'000 Eigenkapital, also hat sie so viel Geld.» Falsch. Eigenkapital ist eine Finanzierungsquelle, kein Vermögensgegenstand. Die CHF 410'000 stecken irgendwo auf der Aktivseite, vielleicht in der Liegenschaft, vielleicht in Forderungen. Wie viel Geld wirklich da ist, zeigen nur die flüssigen Mittel.

Check 2 · ZuordnenEinstieg

Ordne jeden Posten der Alpenblick Medien AG der richtigen Bilanzgruppe zu.

Was die Struktur schon verrät

Noch bevor du eine einzige Kennzahl ausrechnest, sagt dir die Bilanzstruktur viel. Zwei Fragen helfen:

  1. Wie viel finanzieren die Eigentümer selbst? Je höher der Anteil Eigenkapital, desto unabhängiger ist der Betrieb von Banken und desto besser übersteht er ein schlechtes Jahr.
  2. Passen die Fristen zusammen? Langfristig gebundenes Vermögen wie eine Liegenschaft sollte mit langfristigem Kapital finanziert sein (Eigenkapital oder Hypothek), nicht mit einem Kontokorrentkredit, den die Bank kurzfristig kündigen kann. Diese Faustregel heisst goldene Bilanzregel oder Fristenkongruenz.

Auffälligkeiten erkennst du am besten im Vergleich zum Vorjahr. Wenn die Forderungen bei Alpenblick von CHF 150'000 auf 210'000 steigen, während der Umsatz kaum wächst, ist das ein Warnsignal: Kundinnen und Kunden zahlen später. Darauf kommst du in Lektion 6 zurück.

Schritt für Schritt: die Bilanz der Pixelwerk GmbH gliedern

Die Agentur Pixelwerk GmbH in Aarau legt ihre Saldenliste per 31.12.2025 vor. Sie ist ungeordnet und enthält auch Posten der Erfolgsrechnung:

KontoSaldo CHF
Dienstleistungsertrag640'000
Forderungen aus Lieferungen und Leistungen62'000
Darlehen Bank (Laufzeit bis 2030)40'000
Kameras, Licht und IT45'000
Bank17'200
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen24'000
Personalaufwand390'000
Stammkapital20'000
Fahrzeug25'000
Kontokorrent Bank (Limite 30'000)15'000
Angefangene Arbeiten (nicht fakturiert)10'000
Geschuldete MWST11'000
Kasse800
Passive Rechnungsabgrenzung10'000
Gesetzliche Gewinnreserve4'000
Gewinnvortrag18'000
Jahresgewinn18'000

Schritt 1: Erfolgsrechnungsposten aussortieren. Dienstleistungsertrag und Personalaufwand sind Ertrag und Aufwand einer Periode. Sie gehören in die Erfolgsrechnung. Der Jahresgewinn bleibt, denn er ist Teil des Eigenkapitals.

Schritt 2: Aktiven und Passiven trennen. Aktiven: Bank, Kasse, Forderungen, angefangene Arbeiten, Kameras und IT, Fahrzeug. Alles andere sind Passiven.

Schritt 3: Aktiven nach Liquidität gliedern.

AktivenCHF
Kasse800
Bank17'200
Forderungen aus Lieferungen und Leistungen62'000
Angefangene Arbeiten10'000
Umlaufvermögen90'000
Kameras, Licht und IT45'000
Fahrzeug25'000
Anlagevermögen70'000
Total Aktiven160'000

Schritt 4: Passiven nach Fälligkeit gliedern. Das Kontokorrent ist trotz Limite kurzfristig, die Bank kann es jederzeit kündigen. Das Darlehen läuft bis 2030, also langfristig.

PassivenCHF
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen24'000
Kontokorrent Bank15'000
Geschuldete MWST11'000
Passive Rechnungsabgrenzung10'000
Kurzfristiges Fremdkapital60'000
Darlehen Bank40'000
Langfristiges Fremdkapital40'000
Stammkapital20'000
Gesetzliche Gewinnreserve4'000
Gewinnvortrag18'000
Jahresgewinn18'000
Eigenkapital60'000
Total Passiven160'000

Schritt 5: Kontrolle. Aktiven 160'000 = Passiven 160'000. Die Bilanz geht auf.

Schritt 6: Erste Aussage formulieren. Pixelwerk finanziert 37.5 % des Vermögens mit eigenem Geld (60'000 von 160'000). Das Anlagevermögen von 70'000 ist mit Eigenkapital und Darlehen (zusammen 100'000) vollständig langfristig finanziert. Auffällig ist der hohe Bestand an Forderungen: Mehr als ein Drittel des Vermögens liegt bei Kundinnen und Kunden.

Check 3 · Code-LaborFortgeschritten

Labor: Saldenliste zur Bilanz gliedern

Die Tabelle konto enthält den Export aus der Buchhaltung der Alpenblick Medien AG per 31.12.2025 (Spalten nr, bezeichnung, saldo). Darin stecken auch zwei Konten der Erfolgsrechnung, die nicht in die Bilanz gehören.

Schreibe eine Abfrage, die die Bilanzkonten nach dem Kontenrahmen KMU in fünf Gruppen zusammenfasst:

KontonummernGruppe (genau so schreiben)
1000 bis 1399Umlaufvermögen
1400 bis 1999Anlagevermögen
2000 bis 2399Kurzfristiges Fremdkapital
2400 bis 2799Langfristiges Fremdkapital
2800 bis 2999Eigenkapital

Ergebnis: Spalten gruppe und summe, sortiert in Bilanzreihenfolge (Umlaufvermögen zuerst, Eigenkapital zuletzt). Konten ab 3000 gehören nicht dazu.

Code-Labor · SQL · SQLite
Tabellen und Testdaten ansehen
SQL
-- Saldenliste Alpenblick Medien AG per 31.12.2025, ungeordnet exportiert
CREATE TABLE konto (
  nr          INTEGER PRIMARY KEY,
  bezeichnung TEXT    NOT NULL,
  saldo       INTEGER NOT NULL
);
INSERT INTO konto (nr, bezeichnung, saldo) VALUES
(1000, 'Kasse', 2000),
(1020, 'Bank', 64000),
(1100, 'Forderungen aus Lieferungen und Leistungen', 210000),
(1200, 'Vorräte Papier und Merchandising', 34000),
(1500, 'Maschinen und Apparate Audio und Video', 120000),
(1510, 'Mobiliar und Einrichtungen', 30000),
(1520, 'Informatik', 60000),
(1530, 'Fahrzeuge', 20000),
(1600, 'Geschäftsliegenschaft', 700000),
(2000, 'Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen', 95000),
(2100, 'Kontokorrent Bank', 40000),
(2200, 'Übrige kurzfristige Verbindlichkeiten', 25000),
(2300, 'Passive Rechnungsabgrenzung vorausbezahlte Abos', 140000),
(2450, 'Darlehen', 50000),
(2451, 'Hypothek', 480000),
(2800, 'Aktienkapital', 200000),
(2950, 'Gesetzliche Gewinnreserve', 60000),
(2970, 'Gewinnvortrag', 75000),
(2979, 'Jahresgewinn', 75000),
(3400, 'Ertrag Inserate', 1450000),
(5000, 'Lohnaufwand', 1090000);
Strg + Enter

Typische Fehler

  • Erfolgsposten in der Bilanz. Umsatz oder Lohnaufwand landen auf der Passiv- oder Aktivseite. Korrektur: Vor dem Gliedern zuerst alle Aufwände und Erträge aussortieren.
  • Vorauszahlungen von Kunden als Aktiven. Das Geld ist zwar da, aber es steckt in der Bank. Der Posten selbst ist eine Schuld gegenüber den Kunden und gehört ins kurzfristige Fremdkapital.
  • Kontokorrent als langfristig. Eine hohe Limite macht einen Kontokorrentkredit nicht langfristig. Er ist jederzeit kündbar und gehört ins kurzfristige Fremdkapital.
  • Eigenkapital mit Geld verwechseln. Eigenkapital zeigt, wer finanziert hat, nicht, was in der Kasse liegt.
  • Falsche Reihenfolge. Aktiven nach Liquidität (flüssige Mittel zuerst), Passiven nach Fälligkeit (kurzfristige Schulden zuerst). Eine andere Reihenfolge ist rechnerisch nicht falsch, wird aber in Prüfungen oft abgezogen.
Check 4 · Mehrere AntwortenFortgeschritten

Fabio gliedert die Passivseite. Welche Aussagen sind richtig?

Wähle alle zutreffenden Antworten.

Zusammenfassung

  • Die Bilanz zeigt am Stichtag Vermögen (Aktiven) und Finanzierung (Passiven). Beide Seiten sind gleich gross.
  • Aktiven gliederst du nach Liquidität in Umlauf- und Anlagevermögen, Passiven nach Fälligkeit in kurzfristiges und langfristiges Fremdkapital sowie Eigenkapital.
  • Im Kontenrahmen KMU verrät die Kontonummer die Gruppe: 10 bis 13 Umlaufvermögen, 14 bis 19 Anlagevermögen, 20 bis 23 kurzfristiges, 24 bis 27 langfristiges Fremdkapital, 28 bis 29 Eigenkapital.
  • Vorausbezahlte Leistungen von Kunden sind Schulden, keine Vermögenswerte.
  • Eigenkapital ist eine Finanzierungsquelle, kein Geldbestand.
  • Schon die Struktur zeigt, wie solide ein Betrieb finanziert ist und ob die Fristen zusammenpassen.

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