Lektion 1 von 9
Warum agil? Werte und die Wahl des Vorgehens
Du verstehst iterativ und inkrementell, erklärst die Werte des Agilen Manifests und begründest an konkreten Vorhaben, ob agil, klassisch oder hybrid passt.
Worum es geht
Montag, 08.15 Uhr bei der Codewerk Hug AG in St. Gallen. Der Teamleiter legt eine Vorlage auf den Tisch: «Bevor wir eine Zeile programmieren, schreiben wir ein vollständiges Pflichtenheft. Dann wissen alle, was gebaut wird.» Klingt vernünftig. Nur: Die Sekretärin der Musikschule, für die das Team ein Anmeldeportal bauen soll, sagt am Telefon Sätze wie «Die Eltern sollen sich halt anmelden können» und «Das sehe ich dann, wenn ich es vor mir habe». In zehn Wochen beginnt das neue Semester, und dieser Termin lässt sich nicht verschieben.
Ein Pflichtenheft würde hier zwei Wochen kosten und wäre trotzdem bald falsch, weil die Musikschule ihre Wünsche erst beim Ausprobieren erkennt. Genau für solche Situationen sind agile Methoden entstanden. In dieser Lektion lernst du, was «agil» wirklich bedeutet, was im Agilen Manifest steht und wie du begründet entscheidest, ob ein Vorhaben agil, klassisch oder gemischt angegangen wird. Diese Begründung wird in Prüfungen fast immer verlangt.
Zwei Arten, Software zu bauen
Stell dir eine Velotour von St. Gallen nach Luzern vor. Variante 1: Du planst zu Hause jede Abzweigung und fährst die Route stur ab. Variante 2: Du kennst Ziel und Richtung, schaust aber an jeder grösseren Kreuzung auf die Karte und passt die Route an, wenn eine Strasse gesperrt ist. Auf einer Strecke, die du zehnmal gefahren bist, reicht Variante 1. Auf einer unbekannten Strecke mit Baustellen bist du mit Variante 2 schneller.
In der Softwareentwicklung heisst Variante 1 phasenorientiertes oder klassisches Vorgehen, oft «Wasserfall» genannt: Anforderungen, Entwurf, Umsetzung, Test und Einführung laufen nacheinander ab. Erst ganz am Schluss sieht die Kundin das fertige Produkt.
Variante 2 ist das agile Vorgehen. Das Team arbeitet in kurzen Zyklen von ein bis vier Wochen. Am Ende jedes Zyklus steht ein kleines, lauffähiges Stück Software, das die Kundin ausprobieren kann. Ihr Feedback fliesst in die Planung des nächsten Zyklus ein.
Zwei Begriffe musst du dabei sauber auseinanderhalten:
| Begriff | Bedeutung | Beispiel Musikschulportal |
|---|---|---|
| Iterativ | Man durchläuft denselben Zyklus mehrmals und verbessert dabei, was schon da ist. | Das Anmeldeformular wird nach dem Feedback der Sekretärin überarbeitet: Ein Feld fällt weg, eine Auswahlliste kommt dazu. |
| Inkrementell | Das Produkt wächst Stück für Stück, jedes Stück ist für sich nutzbar. | Sprint 1 liefert die Anmeldung für ein Instrument, Sprint 2 die Bestätigungsmail, Sprint 3 die Warteliste. |
Agile Methoden arbeiten iterativ und inkrementell: Sie liefern laufend neue nutzbare Teile und verbessern gleichzeitig die bestehenden. Ein Projekt, das zwar in Etappen gebaut wird, aber erst am Schluss etwas Nutzbares zeigt, ist nur in Häppchen geplant, nicht agil.
Das Team liefert in Sprint 1 die Anmeldung für ein Instrument. In Sprint 2 baut es das Anmeldeformular nach dem Feedback der Sekretärin um und ergänzt die Bestätigungsmail. Welche Aussage beschreibt das Vorgehen am genauesten?
Das Agile Manifest in eigenen Worten
Im Februar 2001 hielten 17 Softwareentwickler in den USA fest, was ihre leichtgewichtigen Methoden (darunter Scrum und Extreme Programming) gemeinsam haben. Das Ergebnis ist das Manifest für Agile Softwareentwicklung mit vier Werten und zwölf Prinzipien. Jeder Wert ist als Vergleich formuliert: Die linke Seite ist wichtiger, die rechte bleibt aber wichtig.
| Wert (links wichtiger als rechts) | Was es bedeutet | Beispiel |
|---|---|---|
| Menschen und ihr Zusammenspiel vor Prozessen und Werkzeugen | Ein kurzes Gespräch löst mehr Probleme als ein perfekt konfiguriertes Ticketsystem. | Jonas versteht eine Story nicht. Statt drei Kommentare in Jira zu schreiben, setzt er sich fünf Minuten mit dem Product Owner zusammen. |
| Funktionierende Software vor umfassender Dokumentation | Fortschritt misst man an Software, die läuft, nicht an Seitenzahlen. | Die Sekretärin testet nach zwei Wochen ein echtes Formular im Browser statt ein 40-seitiges Konzept zu lesen. |
| Zusammenarbeit mit der Kundschaft vor Vertragsverhandlungen | Kundin und Team arbeiten gemeinsam am besten Ergebnis, statt über Vertragsklauseln zu streiten. | Die Musikschule ist bei jedem Sprint Review dabei und entscheidet mit, was als Nächstes kommt. |
| Auf Veränderungen reagieren vor einem Plan folgen | Ein Plan ist nützlich, aber neue Erkenntnisse haben Vorrang. | Im Review wünscht sich die Sekretärin eine Warteliste. Sie kommt ins Backlog, statt auf «nächstes Jahr» vertröstet zu werden. |
Aus den zwölf Prinzipien sind im Alltag vor allem diese wichtig (sinngemäss):
- Früh und regelmässig nutzbare Software liefern, lieber alle zwei Wochen als alle zwei Monate.
- Geänderte Anforderungen auch spät willkommen heissen, wenn sie der Kundschaft nützen.
- Fachleute und Entwicklung arbeiten täglich zusammen.
- Lauffähige Software ist das wichtigste Mass für Fortschritt.
- Das Team überlegt regelmässig, wie es besser werden kann, und passt sich an.
Dahinter steckt ein Gedankenmodell: Klassisch ist der Umfang fix, Zeit und Kosten werden geschätzt (und oft überschritten). Agile Teams drehen das um: Zeit und Kosten sind fix (z.B. Semesterstart, vier Lernende), der Umfang ist flexibel. Deshalb kommt zuerst, was am meisten Nutzen bringt. Läuft die Zeit ab, fehlt höchstens das Unwichtigste.
Ordne jede Situation aus Ilarias Team dem Wert des Agilen Manifests zu, den sie am besten zeigt.
Ergänze die Lücken zum Grundgedanken agiler Entwicklung.
Im klassischen Vorgehen ist der fix, während Zeit und Kosten geschätzt werden. Agile Teams drehen das um: Zeit und sind fix, der Umfang ist flexibel. Deshalb wird zuerst gebaut, was am meisten bringt. Das Agile Manifest stellt die Werte nicht gegeneinander, es heisst «mehr als» und nicht «».
Agil, klassisch oder hybrid: so entscheidest du
Agil ist nicht automatisch besser. Beim Austausch der Server-Hardware im Lehrbetrieb sind Umfang und Ablauf bekannt: bestellen, einbauen, migrieren, testen. Niemand braucht nach zwei Wochen «einen halben Server zum Ausprobieren». Hier passt ein klarer Phasenplan.
Diese Fragen helfen dir bei der Entscheidung:
| Frage | spricht für agil, wenn … | spricht für klassisch, wenn … |
|---|---|---|
| Sind die Anforderungen klar? | nein, sie entstehen beim Ausprobieren | ja, sie sind vollständig bekannt und stabil |
| Werden sich Anforderungen ändern? | wahrscheinlich | kaum |
| Ist die Kundschaft regelmässig erreichbar? | ja, für Feedback alle paar Wochen | nein, nur für Start und Abnahme |
| Sind Teillieferungen nutzbar? | ja, ein Teil bringt schon Nutzen | nein, nur das Ganze funktioniert |
| Ist der Umfang vertraglich fix? | nein, Zeit oder Budget sind fix | ja, z.B. Festpreis für genau definierte Leistung |
Viele Vorhaben liegen dazwischen. Dann ist ein hybrides Vorgehen sinnvoll: Die Gesamtplanung mit Meilensteinen und Budget läuft klassisch, die Entwicklung selbst in Sprints. Die Schweizer Bundesverwaltung arbeitet mit HERMES, das genau so eine Kombination erlaubt: Phasen mit Entscheidungspunkten für die Steuerung, agile Entwicklung in der Realisierung.
Welche Merkmale eines Vorhabens sprechen für ein agiles Vorgehen? Wähle alle zutreffenden.
Wähle alle zutreffenden Antworten.
Schritt für Schritt: Ilaria begründet ihr Vorgehen
Ilaria soll dem Teamleiter bis Mittwoch eine kurze Begründung schicken. Sie geht systematisch vor.
Schritt 1: Merkmale des Vorhabens sammeln. Aus den Gesprächen notiert sie: Wünsche vage, Sekretärin will «es sehen», Termin Semesterstart fix (10 Wochen), Team fix (4 Lernende), Musikschule ist alle zwei Wochen für einen Termin bereit, eine einfache Anmeldung für ein Instrument wäre schon nützlich.
Schritt 2: Fragen der Entscheidungstabelle beantworten.
| Frage | Antwort | Richtung |
|---|---|---|
| Anforderungen klar? | nein | agil |
| Änderungen erwartet? | ja | agil |
| Kundschaft erreichbar? | ja, alle zwei Wochen | agil |
| Teillieferungen nutzbar? | ja | agil |
| Umfang vertraglich fix? | nein, der Termin ist fix | agil |
Schritt 3: Gegenargumente prüfen. Gibt es etwas, das klar für klassisch spricht? Der fixe Termin. Ilaria erkennt aber: Ein fixer Termin spricht nicht gegen agil, sondern für einen flexiblen Umfang. Agil liefert das Wichtigste zuerst, also steht beim Semesterstart sicher eine funktionierende Anmeldung bereit.
Schritt 4: Entscheid und Rahmen festlegen. Scrum mit Sprints von zwei Wochen, also fünf Sprints bis zum Semesterstart. Fixer Termin, flexibler Umfang. Ein grobes Backlog statt eines Pflichtenhefts.
Schritt 5: Begründung formulieren. Ilarias Mail an den Teamleiter:
Betreff: Vorgehen Anmeldeportal Musikschule
Ich schlage Scrum mit Sprints von zwei Wochen vor. Die Musikschule kann ihre
Anforderungen noch nicht beschreiben und will Lösungen sehen, bevor sie
entscheidet. Der Semesterstart ist fix: Wir halten den Termin und passen den
Umfang an. Zuerst bauen wir die zwingend nötige Anmeldung. Die Sekretärin
sieht alle zwei Wochen den Stand und entscheidet mit, was als Nächstes kommt.Der Teamleiter ist einverstanden. Er verlangt nur nach jedem Sprint einen kurzen Stand für die Geschäftsleitung, ein kleines hybrides Element, und das ist in Ordnung.
Jetzt du: Bring die Entscheidungstabelle in Code. Sind alle Tests grün, hast du die Kriterien so verstanden, dass du sie einer Maschine erklären kannst.
Code-Labor: Entscheidungshilfe agil oder klassisch
Bring die Entscheidungstabelle aus der Lektion in Code. Die Funktion empfehle_vorgehen(projekt) bekommt ein Dictionary mit fünf Wahrheitswerten:
| Schlüssel | spricht für agil, wenn … |
|---|---|
anforderungen_klar | False |
aenderungen_erwartet | True |
kunde_erreichbar | True |
teillieferung_nutzbar | True |
umfang_vertraglich_fix | False |
Zähle die Agil-Punkte (0 bis 5) und gib ein Tupel (empfehlung, agil_punkte) zurück:
- 4 oder 5 Punkte:
"agil" - 0 oder 1 Punkt:
"klassisch" - sonst:
"hybrid"
Eine solche Punkteregel ist eine Faustregel, kein Automatismus. Sie hilft dir aber, keine Frage zu vergessen, wenn du ein Vorgehen begründest.
Agil ist eine Haltung, kein Kalender
Viele Teams halten sich für agil, weil sie Dailies und ein Board haben. Entscheidend ist, ob die Werte gelebt werden. Drei Warnsignale:
- Das Daily ist ein Rapport an den Chef statt einer Abstimmung im Team (Wert: Menschen und Zusammenspiel).
- Im Review zeigt das Team Folien, aber niemand von der Kundschaft ist da (Wert: Zusammenarbeit mit der Kundschaft).
- Die Retro findet statt, aber Massnahmen werden nie umgesetzt (Prinzip: regelmässig verbessern).
Wer solche Muster erkennt, argumentiert mit den Werten: «Das Review soll uns Feedback bringen. Ohne die Sekretärin präsentieren wir uns selbst.»
Typische Fehler
- Agil heisst ohne Plan. Falsch. Agile Teams planen sogar häufiger: grob für das Vorhaben, genau für den Sprint, täglich im Daily. Der Plan ist nur nicht unveränderlich.
- Agil heisst ohne Dokumentation. Das Manifest sagt «mehr als», nicht «statt». README, API-Beschreibung und Betriebshandbuch werden geschrieben, wenn sie gebraucht werden.
- Iterativ und inkrementell verwechseln. Iterativ heisst verbessern, inkrementell heisst wachsen. Agil braucht beides.
- Ein fixer Termin bedeutet klassisch. Gerade bei fixem Termin hilft agil, weil das Wichtigste zuerst fertig wird.
- Rituale mit Agilität verwechseln. Ein Daily ohne Abstimmung oder eine Retro ohne Folgen ist «Scrum nur dem Namen nach».
Zusammenfassung
- Klassisch arbeitet Phasen nacheinander ab, der Umfang ist fix, das Ergebnis kommt am Schluss.
- Agil liefert in kurzen Zyklen nutzbare Teile (iterativ und inkrementell), Zeit und Kosten sind fix, der Umfang ist flexibel.
- Das Agile Manifest (2001) hat vier Werte: Menschen, funktionierende Software, Zusammenarbeit mit der Kundschaft und Reagieren auf Veränderung zählen mehr als Prozesse, Dokumentation, Verträge und Pläne.
- Agil passt bei unklaren, sich ändernden Anforderungen, erreichbarer Kundschaft und nutzbaren Teillieferungen. Klassisch passt bei klarem, stabilem Umfang.
- Hybride Vorgehen kombinieren eine klassische Gesamtsteuerung mit agiler Entwicklung.
- Begründe die Wahl immer mit konkreten Merkmalen des Vorhabens.
- Agil ist eine Haltung: Rituale ohne gelebte Werte bringen nichts.
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Agil oder klassisch sokratisch durchdenken Chat-KI
Wenn du die Werte des Agilen Manifests kennst, aber unsicher bist, wie du die Wahl des Vorgehens begründest. Die KI fragt nach, statt dir die Antwort zu geben.