Lektion 1 von 9
Aufträge mit System: IPERKA
Du verstehst, warum Aufträge selten an der Technik, sondern am Vorgehen scheitern, kennst die sechs Phasen von IPERKA und ordnest einen erledigten Auftrag den Phasen zu.
Worum es geht
Montag, 8.10 Uhr. In Teams blinkt eine Nachricht deines Berufsbildners: «Kannst du bis Donnerstag den Drucker im Sitzungszimmer 2 ersetzen? Danke!» Du holst ein Gerät aus dem Lager, schliesst es an, druckst eine Testseite und meldest um 10 Uhr: «Erledigt.» Am Donnerstag kommt die Rückmeldung: Scannen in den Ordner funktioniert nicht, der Drucker steht im falschen Netz, und eigentlich hätte es ein Farbdrucker sein sollen, weil dort die Offerten für Kunden gedruckt werden.
Du hast schnell und fleissig gearbeitet. Trotzdem ist das Ergebnis nicht das, was gebraucht wurde. Das Problem war nicht deine Technik, sondern dein Vorgehen: Du hast nicht geklärt, was «ersetzen» genau heisst, nicht geplant, nicht entschieden, nicht kontrolliert.
Genau darum geht es in diesem Modul. Du lernst, einen Auftrag von der ersten unklaren Anfrage bis zur sauberen Übergabe selbst zu steuern. Das klingt nach Bürokratie, ist aber das Gegenteil: Wer ein gutes Vorgehen hat, arbeitet ruhiger, muss weniger nachbessern und bekommt schneller spannende, verantwortungsvolle Aufträge.
Warum «einfach anfangen» so teuer ist
Stell dir vor, du baust mit Freunden ein Gartenhaus. Wenn ihr erst nach dem Betonieren merkt, dass die Tür auf der falschen Seite ist, wird es teuer. Hättet ihr vorher fünf Minuten über den Plan gesprochen, wäre es gratis gewesen. In der Informatik ist es genauso: Je später ein Missverständnis auffällt, desto mehr Arbeit kostet es.
| Wann das Missverständnis auffällt | Was es kostet (Beispiel Drucker) |
|---|---|
| Beim Klären des Auftrags | eine Rückfrage per Teams, 2 Minuten |
| Beim Planen | eine andere Gerätewahl, 10 Minuten |
| Nach der Installation | Gerät abbauen, Farbdrucker bestellen, neu einrichten, 3 Stunden |
| Erst bei der Kundin | 3 Stunden plus Ärger und ein schlechter Eindruck |
Ein zweites Beispiel aus der Applikationsentwicklung: Luca soll «eine Liste aller Benutzer exportieren». Er schreibt ein Skript, das alle 412 Konten aus dem Verzeichnisdienst als CSV-Datei ausgibt. Gebraucht hätte das Marketing aber nur die 38 aktiven Personen aus dem Verkauf mit E-Mail-Adresse, für einen Newsletter. Eine einzige Rückfrage («Wofür brauchst du die Liste?») hätte drei Stunden gespart.
Berufsbildnerinnen und Berufsbildner achten deshalb nicht nur darauf, ob etwas am Ende funktioniert. Sie achten darauf, ob du nachfragst, planst, begründest, prüfst und dokumentierst. Genau diese Arbeitsweise wird später in jeder Praxisaufgabe, in Modulen wie 306 (Kleinprojekte) und in der IPA am Ende deiner Lehre erwartet.
Die sechs Phasen von IPERKA
In vielen Schweizer Lehrbetrieben und Berufsfachschulen ist ein einfaches Vorgehensmodell verbreitet: IPERKA. Jeder Buchstabe steht für eine Phase.
| Phase | Leitfrage | Typisches Ergebnis |
|---|---|---|
| Informieren | Was genau ist gewünscht, und was weiss ich schon? | Auftragsnotiz mit Ziel, Abgrenzung, Termin und Abnahmekriterien |
| Planen | Welche Schritte braucht es, wie lange dauern sie, was hängt wovon ab? | Arbeitsplan mit Arbeitspaketen, Zeiten und Puffer |
| Entscheiden | Welche Lösung nehme ich, und warum? | Begründeter Entscheid, oft mit Entscheidungsmatrix |
| Realisieren | Wie setze ich den Plan um? | Das Ergebnis selbst, dazu ein Arbeitsjournal |
| Kontrollieren | Erfüllt das Ergebnis die Abnahmekriterien? | Testprotokoll, Abnahme durch die auftraggebende Person |
| Auswerten | Was lief gut, was mache ich nächstes Mal anders? | Soll-Ist-Vergleich, Reflexion mit konkreten Massnahmen |
Der gestrichelte Pfeil ist wichtig: Was du beim Auswerten lernst, nimmst du in den nächsten Auftrag mit. So wirst du mit jedem Auftrag ein bisschen besser, statt dieselben Fehler zu wiederholen.
Bring die Tätigkeiten eines Auftrags in die Reihenfolge der sechs IPERKA-Phasen.
- 1
Das Ergebnis gegen die Abnahmekriterien testen und protokollieren
- 2
Ziel, Termin und Abnahmekriterien mit der auftraggebenden Person klären
- 3
Soll und Ist vergleichen und Massnahmen für den nächsten Auftrag ableiten
- 4
Arbeitspakete mit Zeitschätzung und Abhängigkeiten festlegen
- 5
Eine Lösungsvariante begründet auswählen
- 6
Umsetzen und dabei ein Arbeitsjournal führen
Wie viel IPERKA braucht ein kleiner Auftrag?
IPERKA ist kein Formular, das du für jede Kleinigkeit ausfüllst. Die Phasen sind immer da, aber ihr Umfang passt sich dem Auftrag an.
| Auftrag | Informieren | Planen und Entscheiden | Kontrollieren und Auswerten |
|---|---|---|---|
| Passwort zurücksetzen (10 Min.) | Identität prüfen, 1 Minute | im Kopf | Login testen lassen, 1 Minute |
| Drucker ersetzen (2 Std.) | 3 bis 5 Rückfragen | kurze Liste mit Schritten | Testliste mit Druck, Scan, Netz |
| Empfang neu einrichten (2 bis 3 Tage) | Auftragsnotiz, bestätigt | Planner-Board, Matrix für Geräte | Testprotokoll, formelle Abnahme, Reflexion |
Und IPERKA ist keine Einbahnstrasse. Wenn du beim Realisieren merkst, dass eine wichtige Information fehlt, gehst du zurück ins Informieren und fragst nach. Das ist kein Versagen, sondern genau richtig.
Ordne jede Tätigkeit aus Noras Auftrag der passenden IPERKA-Phase zu.
Ein Modell für alle ICT-Berufe
IPERKA funktioniert unabhängig davon, ob du Geräte einrichtest, programmierst oder gestaltest. Hier drei Aufträge aus verschiedenen Lehrbetrieben:
| Phase | ICT-Fachfrau: neuer Arbeitsplatz | Applikationsentwickler: Exportskript | Mediamatikerin: Flyer Tag der offenen Tür |
|---|---|---|---|
| Informieren | Welche Software, welche Rechte, ab wann? | Welche Felder, wofür, wie oft? | Zielgruppe, Format, Auflage, Logo-Vorgaben? |
| Planen | Konto, Laptop, Software, Test, je mit Zeit | Abfrage, Filter, Export, Test | Text, Bilder, Layout, Korrektur, Druck |
| Entscheiden | Neues Gerät oder Leasing-Rückläufer? | PowerShell oder Python? | Digitaldruck oder Offset? |
| Realisieren | Einrichten, Journal führen | Programmieren, Journal führen | Gestalten, Journal führen |
| Kontrollieren | Login, Mail, Laufwerke testen | Ergebnis mit Testdaten prüfen | Gut zum Druck einholen |
| Auswerten | Soll-Ist, was nächstes Mal? | Soll-Ist, was nächstes Mal? | Soll-Ist, was nächstes Mal? |
Du siehst: Die Fachinhalte unterscheiden sich, das Vorgehen ist gleich. Deshalb gibt es dieses Modul in mehreren ICT-Berufen.
Lea, Lernende Mediamatikerin, gestaltet einen Flyer für den Tag der offenen Tür. Die korrekte Telefonnummer stand im Auftrag, Lea hat sich beim Abtippen aber vertippt. Sie schickt die Druckdatei direkt nach dem Gestalten an die Druckerei. Einen Tag nach der Lieferung von 2000 Exemplaren fällt der Fehler auf.
Welche Phase hat Lea vor allem ausgelassen?
Schritt für Schritt: Einen erledigten Auftrag nachträglich zuordnen
Die beste Übung für den Einstieg: Nimm einen Auftrag, den du schon erledigt hast, und ordne ihn den Phasen zu. Wir machen das mit Jonas, Lernender Informatiker Plattformentwicklung im 1. Lehrjahr. Seine Notizen zum Druckerwechsel im Sitzungszimmer 2:
Mo 08:15 Nachricht von Beat: Drucker SZ2 ersetzen bis Do
Mo 08:20 Gerät aus Lager geholt (Modell wie im 1. OG)
Mo 08:40 Angeschlossen, IP per DHCP bekommen
Mo 09:30 Treiber auf Druckserver verteilt, Testseite ok
Mo 10:00 "Erledigt" an Beat gemeldet
Do 14:00 Reklamation: kein Scan in Ordner, falsches VLAN, sollte Farbe drucken
Do 14:10 bis Fr 11:00 Nachbesserung, 3.5 Std.Schritt 1: Tätigkeiten den Phasen zuordnen. Jonas markiert jede Zeile: «Gerät aus Lager geholt» ist Entscheiden (welches Gerät), «Angeschlossen» und «Treiber verteilt» sind Realisieren, «Testseite» ist ein kleiner Teil von Kontrollieren.
Schritt 2: Lücken finden. Für Informieren steht nichts da: keine einzige Rückfrage. Planen fehlt ebenfalls. Entscheiden fand statt, aber ohne Kriterien («Modell wie im 1. OG»). Kontrollieren bestand nur aus einer Testseite. Auswerten fehlt ganz.
Schritt 3: Folgen benennen. Weil Informieren fehlte, kannte Jonas die Anforderungen Farbe, Scan in Ordner und Netz nicht. Die Nachbesserung kostete 3.5 Stunden, der ursprüngliche Auftrag nur 1.75 Stunden.
Schritt 4: Rückfragen formulieren, die gefehlt haben. «Was wird dort gedruckt? Braucht es Farbe? Wird gescannt, und wohin? In welches Netz gehört das Gerät? Woran merkst du, dass es fertig ist?»
Schritt 5: Kontrollieren nachholen. Jonas schreibt eine Testliste mit fünf Punkten: Schwarzweiss-Druck, Farbdruck, Scan in den Ordner \\fs01\scan\SZ2, Adresse im Drucker-VLAN, Druck von einem Laptop im Sitzungszimmer.
Schritt 6: Eine Massnahme für das nächste Mal festlegen. Nicht «besser aufpassen», sondern konkret: «Bei jedem Geräteauftrag stelle ich vor dem Start mindestens drei Rückfragen zu Zweck, Funktionen und Abnahme und lasse sie per Teams bestätigen.»
Das Ergebnis dieser Übung ist für Jonas wertvoller als jede Theorie: Er sieht schwarz auf weiss, welche Phase ihm wie viel Zeit gekostet hat.
Mehmet, Lernender Informatiker Applikationsentwicklung, sollte für das Sekretariat ein Excel-Makro schreiben, das Rechnungsnummern fortlaufend vergibt. Seine Notizen:
Di 09:00 Auftrag per Mail: "Makro für Rechnungsnummern"
Di 09:05 Sofort angefangen, VBA-Code geschrieben
Di 11:30 Makro an Sekretariat geschickt
Mi 08:15 Rückmeldung: Nummern sollen mit dem Jahr beginnen (2026-001),
das Makro überschreibt bestehende Nummern, und das Sekretariat
arbeitet mit Excel im Browser (dort laufen keine VBA-Makros)
Mi 08:30 bis 12:00 umgebautOrdne den Ablauf den IPERKA-Phasen zu: Welche Phasen fehlten, welche Folgen hatte das, und welche eine konkrete Massnahme empfiehlst du Mehmet? (4 bis 6 Sätze)
Erklärung
Der Fall zeigt, warum Informieren die günstigste Phase ist: Drei Rückfragen hätten wenige Minuten gekostet. Eine Massnahme wie «besser aufpassen» wäre zu allgemein. Gut ist eine Regel, die man beim nächsten Auftrag sichtbar anwenden kann.
Typische Fehler
- IPERKA als Papierkram verstehen. Wer für eine Passwortrücksetzung ein Formular ausfüllt, verliert Zeit. Die Phasen sind immer da, ihr Umfang richtet sich nach der Grösse des Auftrags.
- Informieren mit Recherchieren verwechseln. Im Internet nach Druckertreibern suchen ist Realisieren. Informieren heisst zuerst: Was will die auftraggebende Person genau?
- Kontrollieren auf «funktioniert bei mir» reduzieren. Eine Testseite beweist nur, dass gedruckt wird, nicht, dass alle Anforderungen erfüllt sind. Kontrolliert wird gegen die Abnahmekriterien.
- Auswerten weglassen, weil der Auftrag ja fertig ist. Ohne Auswertung machst du denselben Fehler beim nächsten Auftrag wieder. Fünf Minuten Rückblick reichen bei kleinen Aufträgen.
- Nicht zurückgehen, wenn etwas unklar wird. Wer beim Realisieren eine Lücke entdeckt und einfach annimmt, statt nachzufragen, riskiert die Nachbesserung.
Zusammenfassung
- Aufträge scheitern selten an der Technik, sondern am Vorgehen: fehlende Klärung, keine Planung, keine Kontrolle.
- IPERKA steht für Informieren, Planen, Entscheiden, Realisieren, Kontrollieren, Auswerten.
- Je später ein Missverständnis auffällt, desto teurer wird es. Klären ist die günstigste Phase.
- Der Umfang jeder Phase passt sich dem Auftrag an. Zurückgehen in eine frühere Phase ist erlaubt und oft nötig.
- Das Modell gilt für alle ICT-Berufe: Arbeitsplatz einrichten, Skript programmieren, Flyer gestalten.
- Eine gute Einstiegsübung: einen erledigten Auftrag den Phasen zuordnen, Lücken und Folgen benennen und eine konkrete Massnahme ableiten.
Mit deiner eigenen KI vertiefen
Kopiere einen Prompt in Claude, ChatGPT oder Claude Code. Er macht die KI zur Lernbegleitung statt zum Lösungsautomaten.
Eigenen Auftrag mit IPERKA analysieren Chat-KI
Wenn du einen Auftrag aus deinem Lehrbetrieb rückblickend verstehen willst. Die KI führt dich mit Fragen durch die Phasen, statt dir eine Analyse vorzusetzen.