Lektion 1 von 9
Instruieren: damit andere es selbst können
Du unterscheidest Instruktion von Support, Präsentation und Dokumentation, erkennst Instruktionsbedarf an typischen Signalen und kennst die vier Grundformen und den roten Faden jeder Instruktion.
Worum es geht
Montagmorgen im Servicedesk deines Lehrbetriebs. Ruth Gerber aus der Buchhaltung ruft an: «Wie schicke ich dem Kunden nochmal diese grosse Datei? Der Anhang geht nicht durch.» Du kennst die Frage. Letzte Woche hast du dich per Fernwartung verbunden, die Datei in OneDrive geteilt und den Link in ihre Mail kopiert. Zwei Minuten, Ticket geschlossen. Vor drei Wochen genauso.
Das Problem ist gelöst, aber Frau Gerber kann es immer noch nicht. Sie wird wieder anrufen, und die nächste Person in der Buchhaltung auch. Hättest du dir beim ersten Mal zehn Minuten Zeit genommen und sie selbst klicken lassen, wären die nächsten Anrufe gar nicht entstanden.
Genau darum geht es in diesem Modul: Du lernst, Menschen ein Gerät, ein Programm oder einen neuen Ablauf so zu erklären, dass sie es danach selbst können. Das klingt einfach. In Wirklichkeit ist es ein Handwerk mit klaren Regeln, und wer es beherrscht, wird im Support sehr schnell zur Person, die alle gern anrufen. In dieser ersten Lektion klärst du, was eine Instruktion ist, woran du merkst, dass es eine braucht, und welche Formen es gibt.
Was eine Instruktion ist und was nicht
Eine Instruktion ist eine kurze, praxisnahe Schulung, in der eine Person oder eine kleine Gruppe eine konkrete Tätigkeit an einem Gerät oder in einem Programm lernt. Das Ergebnis ist nicht ein gelöstes Problem, sondern eine Fähigkeit: Die Person kann etwas, das sie vorher nicht konnte.
Denk an eine Fahrlehrerin. Sie könnte das Auto viel schneller selbst parkieren. Trotzdem lässt sie den Fahrschüler ans Steuer, sagt ihm, wann er einlenken soll, und greift nur ein, wenn es gefährlich wird. So lernt er es. Genauso funktioniert eine Instruktion: Du sitzt auf dem Beifahrersitz.
Die Instruktion grenzt sich von verwandten Tätigkeiten ab:
| Tätigkeit | Wer handelt? | Ergebnis | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Support-Lösung | du | Das Problem ist weg | Du richtest den Drucker per Fernwartung ein |
| Präsentation | du sprichst, andere hören zu | Die Leute wissen etwas | Du stellst an der Teamsitzung die neue Software vor |
| Dokumentation | niemand live, die Person liest | Ein Nachschlagewerk existiert | Du schreibst eine Anleitung ins Intranet |
| Instruktion | die lernende Person | Die Person kann es selbst | Frau Gerber teilt unter deiner Anleitung selbst eine Datei |
In der Praxis mischen sich diese Formen. Zu einer guten Instruktion gehört oft eine kurze Anleitung zum Nachschlagen, und manchmal löst du zuerst das dringende Problem und instruierst danach. Entscheidend ist die Prüffrage:
Welche Situation ist eine Instruktion im Sinne dieses Moduls?
Instruktionsbedarf erkennen
Nicht jedes Ticket ist ein Instruktionsfall. Wenn ein Drucker defekt ist, nützt keine Schulung etwas. Wenn aber Menschen etwas nicht bedienen können, das eigentlich funktioniert, dann besteht Instruktionsbedarf. Typische Signale:
| Signal | Beispiel | Was es bedeutet |
|---|---|---|
| Wiederkehrende Tickets zur gleichen Bedienung | Dreimal pro Woche «Wie teile ich eine Datei?» | Mehrere Personen haben dieselbe Lücke |
| Umstellung oder Einführung | Neue Multifunktionsgeräte, MFA, Wechsel von Laufwerk H: auf OneDrive | Alle Betroffenen müssen etwas Neues lernen |
| Neue Mitarbeitende oder Lernende | Drei Neue im August | Grundlagen des Arbeitsplatzes fehlen |
| Umwege und Notlösungen | Dateien werden per USB-Stick weitergegeben, Passwörter kleben am Bildschirm | Die richtige Lösung ist unbekannt oder zu kompliziert erklärt |
| Fehlbedienungen mit Folgen | Ausdrucke bleiben liegen, falsche Buchungen, Mails an falsche Verteiler | Die Leute meinen, es zu können, machen es aber falsch |
| Unsicherheit und Angst | «Ich klicke da lieber nicht drauf, sonst geht etwas kaputt» | Die Fähigkeit fehlt nicht nur technisch, sondern auch im Selbstvertrauen |
Bevor du instruierst, schliesst du eine technische Ursache aus. Wenn Frau Gerber die Datei nicht teilen kann, weil ihr Konto keine Berechtigung hat, ist das ein Konfigurationsfehler. Den behebst du. Erst wenn die Technik funktioniert und die Person trotzdem nicht weiterkommt, ist es ein Fall für eine Instruktion.
Welche Beobachtungen deuten auf Instruktionsbedarf hin? Wähle alle passenden aus.
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Vier Formen: allein oder in der Gruppe, vor Ort oder remote
Eine Instruktion kann ganz unterschiedlich aussehen. Zwei Fragen bestimmen die Form: Wie viele Personen? und Wo?
| Vor Ort | Remote | |
|---|---|---|
| Einzeln | Du sitzt neben der Person an ihrem Arbeitsplatz. Ideal bei Unsicherheit und für Spezialfälle. | Teams-Anruf mit Bildschirmfreigabe oder Fernwartungstool. Ideal für Homeoffice und kurze Fragen. |
| Gruppe | Mehrere Personen in einem Raum mit eigenen Geräten. Ideal bei Einführungen und gerätegebundenen Themen wie Druckern. | Online-Schulung in Teams. Ideal bei mehreren Standorten, schwieriger beim Üben. |
Jede Form hat Stärken und Grenzen. Vor Ort siehst du sofort, wo jemand hängen bleibt, und kannst auf den Bildschirm zeigen. Remote sparst du Wege, aber du siehst weniger und musst viel genauer beschreiben, wo etwas ist. Einzeln kannst du dich ganz auf eine Person einstellen; in der Gruppe erreichst du viele auf einmal, musst aber mit unterschiedlichem Tempo umgehen.
Viele Instruktionen im Alltag sind übrigens nicht geplant. Wenn Frau Gerber anruft, ist das eine spontane Einzelinstruktion. Andere sind lange vorbereitet, zum Beispiel die Einführung einer neuen Zeiterfassung für 50 Mitarbeitende. Beides gehört zu diesem Modul. Das Vorgehen ist im Kern dasselbe, nur unterschiedlich ausführlich.
Ein Treuhandbüro stellt auf OneDrive um. Zehn Mitarbeitende arbeiten im Büro in Aarau, Jonas Frei arbeitet ausschliesslich im Homeoffice in Chur. Welche Form passt für Jonas am besten?
Der rote Faden jeder Instruktion
Egal ob zehn Minuten am Arbeitsplatz oder 45 Minuten im Schulungsraum: Eine gute Instruktion folgt immer demselben roten Faden. Dieser Kurs ist genau so aufgebaut.
- Bedarf klären: Wer braucht was? Was können die Leute schon? (Lektion 2)
- Lernziel festlegen: Was soll die Person am Ende beobachtbar können? (Lektion 3)
- Ablauf planen: Form, Zeit, Methoden, Material, Testkonten. (Lektion 4)
- Unterlagen bereitstellen: Kurzanleitung, Screenshots, eventuell ein Video. (Lektion 5)
- Durchführen: vormachen, nachmachen lassen, üben, verständlich erklären, auch remote. (Lektionen 6 bis 8)
- Lernerfolg prüfen: Kann die Person es wirklich? Was verbessere ich beim nächsten Mal? (Lektion 9)
Der gestrichelte Pfeil zurück ist wichtig: Was du in Schritt 6 lernst, fliesst in die nächste Instruktion ein. Im Kompetenznachweis wirst du oft genau dieses Vorgehen in einem Dossier zeigen müssen.
Bring die Schritte des roten Fadens einer Instruktion in die richtige Reihenfolge.
- 1
Unterlagen wie Kurzanleitung bereitstellen
- 2
Ablauf mit Zeit, Methode und Material planen
- 3
Lernziel festlegen
- 4
Lernerfolg prüfen und verbessern
- 5
Bedarf und Vorwissen der Zielgruppe klären
- 6
Instruktion durchführen: vormachen, nachmachen lassen, üben
Schritt für Schritt: eine Zehn-Minuten-Instruktion am Arbeitsplatz
Zurück zu Frau Gerber. Diesmal machst du es richtig. Du sagst am Telefon: «Ich komme um 10 Uhr kurz bei dir vorbei, dann zeige ich es dir so, dass du es künftig selbst kannst. Das dauert etwa zehn Minuten.»
Schritt 1: Bedarf klären (1 Minute). Du fragst: «Wem schickst du solche Dateien, und wie oft?» Antwort: Jahresabschlüsse an Kundinnen und Kunden, etwa zweimal pro Woche, oft 30 MB gross. Du fragst auch: «Wie machst du es heute?» Sie hängt die Datei an und wundert sich, dass die Mail zurückkommt.
Schritt 2: Ziel in einem Satz (kurz sagen). «Am Schluss kannst du eine Datei aus OneDrive als Link an einen Kunden schicken.»
Schritt 3: Warum (1 Minute). «Grosse Anhänge werden von vielen Mailservern abgelehnt. Ein Link ist klein, und du bestimmst, wer die Datei öffnen darf.» Kein Wort über Postfachgrössen oder Mailserver-Konfiguration.
Schritt 4: Vormachen (2 Minuten). Du nimmst eine Testdatei «Muster Jahresabschluss.pdf» und zeigst langsam: Rechtsklick auf die Datei, Teilen, Mailadresse eingeben, Nachricht schreiben, Senden. Dabei sagst du laut, was du tust und wo es ist: «Ich klicke mit der rechten Maustaste auf die Datei. Jetzt siehst du hier oben Teilen.»
Schritt 5: Nachmachen lassen (3 Minuten). Du schiebst die Maus zu ihr und nimmst die Hände weg. Sie schickt die Testdatei an deine Adresse. Beim Feld für die Mailadresse zögert sie. Du sagst nicht «Gib mal her», sondern: «Genau, da oben im Feld tippst du die Adresse ein.»
Schritt 6: Allein wiederholen (2 Minuten). Mit einer zweiten Testdatei macht sie es ohne Hilfe. Du schaust nur zu.
Schritt 7: Abschluss (1 Minute). Du legst ihr eine Kurzanleitung mit vier Schritten hin und sagst, wo sie sie im Intranet findet. Und: «Wenn es nicht klappt, ruf an. Aber ich wette, du brauchst mich nicht.»
Schritt 8: Kontrolle später. Eine Woche danach schaust du im Ticketsystem: Keine neue Anfrage von Frau Gerber zum Thema. Ein kurzes «Hat es mit den Links geklappt?» im Teams-Chat bestätigt es.
Zeit total: rund zehn Minuten. Ersparnis: jede künftige Anfrage zum Thema, aus der Buchhaltung und vielleicht auch von den Kolleginnen, denen Frau Gerber es jetzt zeigt.
Typische Fehler
- Selbst klicken. «Darf ich mal kurz?» ist der häufigste Satz in schlechten Instruktionen. Wer die Maus hat, lernt. Gib sie nur zurück, wenn etwas schiefzugehen droht, und erkläre dann, was du tust.
- Zu viel auf einmal. Du zeigst nebenbei noch Versionsverlauf, Ablaufdatum und Freigabeeinstellungen. Nach drei bis vier neuen Dingen ist die Aufnahmefähigkeit erschöpft. Bleib beim Ziel.
- Fachjargon. «Der Sync-Client legt einen Freigabelink im Tenant an» hilft niemandem. Sag, was passiert, nicht wie es intern heisst.
- Mit echten Daten üben. Eine Kundendatei aus Versehen an die falsche Adresse geteilt, und schon hast du ein Datenschutzproblem. Übe immer mit Testdateien und an dich selbst.
- Nicht prüfen. «Alles klar?» und ein Nicken beweisen nichts. Lass die Person den Ablauf einmal allein machen.
Zusammenfassung
- Eine Instruktion hat ein Ziel: Die Person kann eine Tätigkeit danach selbst. Prüffrage: Kann sie es morgen ohne dich?
- Instruktionsbedarf erkennst du an wiederkehrenden Tickets, Umstellungen, neuen Mitarbeitenden, Notlösungen, Fehlbedienungen und Unsicherheit. Vorher schliesst du technische Ursachen aus.
- Es gibt vier Grundformen: einzeln oder in der Gruppe, vor Ort oder remote. Die Wahl hängt von Anzahl Personen, Ort, Thema und Vorwissen ab.
- Jede Instruktion folgt dem roten Faden: Bedarf, Lernziel, Ablauf, Unterlagen, Durchführung, Lernerfolg.
- Die Person klickt selbst, du sitzt auf dem Beifahrersitz. Geübt wird mit Testdaten.